Zack. Karsten knallte die Karte auf den Tisch: „Aus,
ich habe gewonnen! Ihr Verlierer!“ Die Männerrunde raunte missmutig. „Karsten,
der ewige Gewinner! Wäre ja auch zu schön, wenn mal ein anderer gewinnen
würde!“ schnauzte Andreas gereizt, während Karsten die Karten einsammelte. „Ihr
seid halt nur schlechte Verlierer,“ meinte Karsten grinsend, wobei seine
perfekten, weiß glitzernden Zähne wie Diamanten hervorstachen. Er war sozusagen
der „blondgelockte Schönling“ der Männergruppe. Seine stählernen,
fitnessstudiotrainierten Muskeln zeichneten sich wohlgeformt unter dem
Stretch-Shirt und den engen Jeans ab, so dass jeder aus der Gruppe nur neidisch
oder ehrfürchtig zu ihm hochblicken konnte, denn Karsten war mindestens 1,90
Meter groß und überragte damit die Jungs auf voller Länge und Breite. Da saßen
sie – Tim, Andreas, Michael und Tom – und schauten dem breitgrinsenden Karsten
mal wieder beim Gewinnen zu, wie eigentlich fast jedes Mal, wenn sich die
Männergruppe zu einem traditionellen Männerabend traf. Nur, dass wir uns nicht
missverstehen – die Auffassung zwischen dem, was diese „Männer“ unter einem
„richtigen Mann“ verstanden und was sich Frauen – diese grazilen Wesen vom
Stern Venus – unter einem „Mann“ vorstellten, wich doch erheblich voneinander
ab, um nicht zu sagen, es grenzte schon fast an einen – ich wage es kaum
auszusprechen – ja, an einen Irrtum!
Jedenfalls wurde so das Thema „Frauen“ wegen seiner
besonderen Attraktivität bei jedem Männertreffen von seiner anfänglich
schüchtern zurückliegenden Position auf die Gesprächspriorität Nummer 1
erhoben. Denn selbst Männer – man, pardon, Frau glaubt es kaum, haben trotz
widerläufiger Meinungen von Frauenabenden das Bedürfnis, über ihre tiefsten
Empfindungen (z.B. „Wie finde ich die Richtige?“, „Was
mögen Frauen wirklich?“ und „Wie verführe ich eine
Frau?“) zu SPRECHEN. Wahnsinn, dass es das noch gibt. Da haben Frauen ja noch
Hoffnung, dass ihre verschlossenen marsigen Wesen vom roten Stern doch noch
irgendwann ihren Mund
öffnen und sich mit ihren Frauen UNTERHALTEN. (Vorab
ein Pardon an alle Männer, die ihr geliebtes Gegenstück täglich mit ihrer
prächtigen Männerstimme verführen und aus dem kommunikalen Wasserfall eine
paradiesische akustische Oase erschaffen).
Jetzt werden Sie vielleicht sagen: „Na, was will uns
eine FRAU schon von einer Männergeschichte erzählen?“ Ich sage Ihnen: „Warten
Sie es ab, Sie werden überrascht sein, was eine Frau alles kann!“
So – Entschuldigung – wo war ich stehen geblieben?
Ach ja, bei Tim und seinen Jungs. Aber am besten erzähle ich Ihnen mal die
ganze Geschichte von diesen Männern, ihren Träumen, ihren geschlechtlichen
Irrtümern und die schwerwiegenden Folgen davon. Beginnen wir am Anfang.
Alles begann vor etwa zwei Jahren, als die
schmächtigen „Knaben“ die Hochblüte ihrer pubertierenden Phase erreicht hatten
und sich von nun an zwecks ihrer emotionalen Reifung Gedanken darüber machten,
ihr zukünftiges, „neues“ Leben nach dem Abitur zu planen. Bei den Berufen
klappte das auch ganz gut. Andreas, der braunstoppelhaarig Bebrillte mit dem
langen Gesicht und den hervorstechenden Zähnen, beschloss aus seinem Interesse
heraus mehr über die Chemie zwischen den Geschlechtern zu erfahren und wurde
beim nächstgrößten Chemiekonzern Chemielaborant. Trotz zahlreicher explosiver
Versuche fand er bisher jedoch keinen Zaubertrank für bzw. gegen die Liebe.
Allerdings ist unbekannt, ob die negative Wirkung seiner chemischen
Verbindungen nicht auch an seiner Affinität zu körpergeruchdesodorierenden
Parfums lag.
Michael dagegen, der bäuchige kleinuntersetzte
schwarzlichthaarige Typ, schwärmte mehr für Computer und arbeitete deshalb bei
einem Kleinunternehmen in der Instandhaltung und Wartung von Computern und
deren Zubehör. Ein Reisejob per Auto. Jede Frau würde davon begeistert sein,
wenn sie hörte, dass ihr Verehrer mit vollgetanktem blauem Golfcabrio durch die
pure Landnatur fährt, seinen
Kunden mit Rat und Tat geduldig zur Seite steht und
jedes noch so große (Computer-) Problem mit dem weisesten Wissen elegant zu
lösen versteht. Ein Traumjob? Absolut!
Tom, der von Pubertätspickeln gezeichnete
schmalhahnenbrüstige verklemmte Mann, strebte indes nach „größeren“ Dingen. Ein
Unistudium musste es schon auf alle Fälle sein. Und da er sich in den
kniffligen Fragen der mathematischen Kommunikation bestens auskannte und
besonders die nickelbrilligen MathelehrerINNEN bei seinen ausschweifenden
mathematischen Ausbrüchen an seinen Lippen förmlich geklebt hatten, schrieb Tom
sich an der nächsten Uni in BWL ein. Betriebswirtschaftslehre – die perfekte
Basis für ein ausgefülltes Singleleben? Für Tom außer Frage.
Karsten, der schon in der Schule seine weiblichen
Fans (inklusive hartgesottener LehrerINNEN) mit seinem unwiderstehlichen
testosteronsprühenden Charme zu umgarnen wusste, verschrieb sich nach seinem
Schulabschluss dem Modedesign.
Das heißt, eigentlich mehr der Mode als dem
Designen, denn seine schönheitsbewussten ChefINNEN sahen ihn lieber als Model
mit knallengen Stretchanzügen. Das heißt natürlich nicht, dass er zum Designen
zu unbegabt gewesen wäre. Ganz und gar nicht! Es war nun eben einfach dieses
unabwendbare Schicksal, dass Karsten selbst in alten, verrissenen Jeans immer
noch so sexy wie ein silberner PS-kraftstrotzender Porsche Boxter mit
exklusiven Ledersitzen aussah. Die perfekte Verführung, die prickelnde Erotik
pur für jede Frau! Was will MANN (und FRAU?) mehr?
Der schlanke schwarzhaarige Tim dagegen war ein
Träumer. Er sah die Welt mit den Augen eines zurückhaltenden, schüchternen
jungen Mannes, für den die Welt eher ein Rätsel als eine Showbühne war. Die
Klassenkameraden, darunter auch Karsten, Andreas, Michael und Tom, hatten ihn
oft gehänselt, weil er irgendwie anders für sie war. So verschlossen, so
sensibel und einfach viel zu viel Fantasie und Romantik.
Ein Tagträumer eben, wie er in jedem Kitschroman zu
finden ist. Nichts für „starke Typen“ und „verführerische Mädels“ wie sie auf
jeder Bravo prangten. Viel zu viel Gefühl statt knallharte Action. Nach dem Abi
zog es Tim deshalb zu seiner „wahren Liebe“: Lyrik und Musik.
Es war also nun an diesem einen Abend, als der
schöne Karsten mal wieder am Gewinnen und der hagere Andreas wieder am Aufregen
war, an dem sich das Leben dieser „männlichen Jungschar“ grundlegend verändern
sollte. Natürlich konnte keiner dieser Jungs an diesem lauen Abend je ahnen,
was noch kommen sollte und, ja, noch werden sollten. Ihre Odyssee ins Reich der
weiblichen Welt wartete auf sie und näherte sich unabwendbar mit jeder Sekunde.
Alle fünf saßen, nein, flegelten sich um den großen
runden Tisch herum in Karstens neuer Wohnung im Wohnzimmer. Auf dem Tisch
häuften sich außer den in- zwischen ranzig befleckten Spielkarten zerknüllte
Chipstüten und leere Bierflaschen. Die Nacht war schon durch die Fenster
hereingebrochen, aber keiner hatte so richtig Lust nach Hause zu gehen. Karsten
sammelte gutgelaunt die Karten ein. „Auf ein Neues?“ fragte er grinsend.
Michael trank schlürfend seinen letzten Schluck Bier aus seiner Flasche und
rülpste laut. „Lass gut sein, Karsten, heute nicht mehr“, antwortete er,
nachdem er sich mit dem Handrücken den Mund von den an seinen Lippen hängenden
Bierschaum abgewischt hatte. Auch Andreas schüttelte den Kopf: „Nein, es ist
schon spät und ich habe echt keine Lust mehr.“
Die Jungs nippten schweigend an ihren letzten
Bierresten. Tom lehnte sich weit in seinem Sessel zurück. „Was denkt ihr, was
müsste ich tun, um eine Frau am besten verführen zu können?“ platzte er heraus.
„Heh Tom,“ rief Karsten lachend, „da musst du dir wohl erst mal deine
Pubertätspickel ausdrücken!“ Tom senkte gekränkt sein errötendes Gesicht,
während die anderen ihn grinsend musterten. Tom startete verbissen einen
nächsten Versuch: „Hey Karsten, nachdem du dich deiner Aussage gemäß ja so gut
mit Frauen auskennst,“ Tom holte tief Luft, „finde ich, wir sollten eine Wette
abschließen.“ Gespannte Pause. Dann verzog sich Karstens Gesicht zu einem
hämischen Grinsen. Spöttisch meinte er: „Tom, ich kann mir kaum denken, was du
mir schon für eine Wette anbieten willst!“ Getroffen scharrte Tom verlegen in
der nächstgelegenen Chipstüte. „Ich will euch einen Vorschlag machen,“ brachte
er schließlich heraus. Nervös inhalierte er einen Luftstoß und setzte neu an:
„Da wir uns ja schon alle zu vielen Abenden kreuz und quer unseren Kopf
zermartert haben, wie wir am besten die Frau unseres Lebens finden, inklusive
der heißesten Karsten-Verführungstipps,“ er räusperte sich, „finde ich, dass
wir nun endlich zur Tat schreiten sollten. Worte sind genug gemacht. Es ist an
der Zeit die Dinge auszuprobieren. Wir müssen handeln und zwar jetzt und
schnell!“ „Und wie stellst du dir das vor?“ unterbrach ihn Andreas. Tom war
voll in Fahrt. Er sprang voller Tatendrang aus seinem Sessel empor und führte
seine Rede weiter: „Wir werden versuchen, unsere Frau des Lebens zu finden.
Eine Frau so schön und grazil, von der wir unser ganzes Männerleben lang
geträumt haben.“ Tom versank in den herrlichsten Frauenhimmel, von dem er je
geträumt hatte. Göttliche Feengestalten schienen an seinem inneren Auge
vorüberzuziehen, ihn zu umgarnen, die süßesten Worte in sein Ohr zu flüstern.
„Tom“, riss ihn Karstens energische Stimme wieder auf den Boden der Tatsachen
zurück. „Tom, und was weiter?“ wollte nun auch Andreas wissen. Tom seufzte
lange und sog tief nach der feenumschwebten, säuselnden Luft. „Ja, die Wette,“
kam Tom allmählich wieder zu sich. „Es gibt eine Bedingung: Wetteinsatz ist
1000 Euro. Derjenige, der als erster eine Frau kennenlernt, hat gewonnen und
bekommt von jedem 1000 Euro, macht also 4 000 Euro netto für den Sieger,“
rechnete Tom mathematischexakt vor, er war voll und ganz in seinem Element. Tom
hatte sich warm geredet. Seine Worte saßen so stichfest wie eine Mücke auf der
Fliegenklatsche. Er glühte richtig vor Begeisterung.
Es entstand eine lange Pause. Nach langem Überlegen
brach schließlich Karsten die peinliche Stille. „Sag mal“, begann er zögernd,
„ich glaube du spinnst. Welches kranke Hirn kann sich nur so einen Schwachsinn
ausdenken!“ „Lass mal, Karsten, so schlecht finde ich Toms Wette nicht,“
verteidigte Michael, „du musst doch zugeben, dass es wenigstens finanziell
etwas für sich hat.“ „Ja, für genau zwanzig Prozent von uns!“ entgegnete
Karsten verstimmt. „Also, ich würde die Wette eingehen“, sagte Michael
bestimmt. Tom lächelte ihm dankbar zu. Wenigstens einer der zu ihm hielt. „Na
gut“, stimmte auch Andreas mit ein, „lasst uns abstimmen. Wer ist dafür?“. Tom
streckte blitzschnell seine Hand nach oben, Andreas und Michael folgten
zögernd. „Heh ihr zwei Feiglinge, was ist mit euch?“ Toms Augen blitzten
hinterlistig. Karsten schaute Tim an. Dieser zuckte mit den Schultern. „Ich
enthalte mich“, gab Tim tonlos zurück. „Dem brauche ich nichts mehr
hinzuzufügen,“ erwiderte Karsten verärgert. „Sorry, Jungs, aber ihr seid
überstimmt“, grinste Tom schadenfreudig. „Na schön“, maulte Karsten. Tim
schaute Tom nur böse an und meinte: „Mir bleibt wohl keine andere Wahl übrig.“
Und damit stand der Beschluss fest, es gab kein Zurück mehr. „Das müssen wir
mit Bier besiegeln,“ gellte Toms Stimme auf. „Karsten, los, hol noch einen
Kasten und lass uns wie Männer trinken!“ Karsten stand von seinem Platz auf dem
Sofa auf und verschwand. Kurz darauf klapperte eine ganze Kiste Bier in das
Wohnzimmer. Tom, Andreas und Michael ließen es sich schmecken und prosteten
einander mit lauten Rülpsern zu. Dann zog Tom ein Papier aus seiner Tasche und
überredete die Jungs, den „Vertrag“ zu unterschreiben. Die Wette konnte
beginnen.
Hämmernde Beats und sägende Riffs durchpflügten hart
das finstere Kellergewölbe der Disco. Die blinkenden Lichter spiegelten sich
bunt in der aluminiumfarbenen Wandtäfelung. Blitze durchzuckten wirr das Innere
und tauchten das Halbdunkel in eine gespenstische Atmosphäre. Leblose Körper
bewegten sich langsam schüttelnd, es schien, als wenn sie wie in Trance jeweils
sekundenlang in einer Bewegung verharren würden.
Dicker zäher Rauch durchquoll den Raum, während der
dünne Andreas, der schlaksige Tom und der bäuchige Michael sich ihren Weg durch
die tanzende Menschenmasse bahnten. Die Disco war heute, am Samstagabend, immer
voll, also standen die Aussichten nicht unbedingt gut, ein freies Plätzchen zu
finden.
Tom tappste voraus und entdeckte, welch Zufall, eine
Gruppe Studentinnen aus seiner Uni, die sich, um einen Tisch herum geschart,
angeregt unterhielten – in knappen Minis, knallengen Oberteilen und
hochhackigen Pumps. Und ein Make-up, das die Zehnägel jedes Mannes in wildem
Feuereifer einzeln hoch kringeln würde.
Tom blieb die Spucke weg, das Herz rutschte ihm mit
einem Sprung in die Hose, wild und unkontrolliert um sich hämmernd – ja, das
grenzte schon an schwerwiegende Herzrhythmusstörungen. Na, das fing ja gut an!
Der Hals zog sich wie eine würgende Schlinge zusammen und wenn Tom sowieso noch
nicht wie erstarrt stehen geblieben wäre, wäre er wohl mit dem Fußboden
verwachsen oder zu heißem Brei verflossen. Zum Glück passierte weder das eine
noch das andere (der arme Fußboden, was für eine Schweinerei!).
Da spürte Tom, auf einmal zwei Hände auf seinen
Schultern, die seinen steifen Körper wieder lebendig zu rütteln versuchten.
Trotz seiner nervenüberstrapazierten geistigen Abwesenheit erkannte Tom
Michaels Stimme: „Tom, wo willst du denn hin?“ Schallendes Gelächter
durchzuckte Toms Gehörnerven, welche Gänse flogen denn. Tom errötete als ihm
bewusst wurde, dass da gerade keine Gänse durch sein Ohr gesaust waren, sondern
dass die Studentinnen, ja diese Kommilitonen von seiner Uni, um ihn standen und
IHN, den großen tollen Tom, auslachten. Das war wohl volle Kanne ein
Fettnäpfchen, schön groß und triefend nass. Bäh!
„Auf Tom, komm mit. Die haben doch gar keinen
Geschmack!“ und schon schob Michael ihn davon, mit dem Kichern der Mädchen im
Rücken. Tom, brutal in die Realität zurückgeholt, schnappte nochmal nach den
wie Seifenblasen zerplatzenden bunten Amazonen und ließ sich widerwillig von
Michael davon schieben.
So standen sie also dort in der Disco und wussten
nicht, was sie machen sollten. Da entdeckte Andreas nach langem Hälse verrenken
an der Bar drei freie Plätze. Solch eine Gelegenheit würde sich nur selten
bieten, direkt an der Quelle zur Glückseligkeit, im „ruhigeren“,
kommunikationsfördernden Teil der Disco und außerdem musste hier jeder, in
diesem besonderen Fall jede, vorbeikommen, wenn sie einen Drink wollte.
Perfekt. Die drei stürmten los und – plumps – saßen sie auf den hohen
Barhockern. Naja, zwar etwas ungeübt, denn es kam ja nicht so häufig vor, dass
sie in die Disco gingen – ehrlich gesagt, wohl nie – und rutschten unbeholfen
auf den ledergepolsterten Stühlen hin und her. Gutgelaunt kam der Barkeeper,
ein Glas in seiner Hand abtrocknend, auf die Jungs zu. „Na, neu hier? Auf der
Suche nach dem perfekten One-Night-Stand?“ grinste er und hauchte sein Glas
zärtlich an, um es anschließend in den sanftesten Massagebewegungen auf
Hochglanz zu polieren. „Ja, so ähnlich“, gab Andreas zögernd zurück. Na
hoffentlich war der Typ nicht schwul, so wie der seine Kreisbewegungen in der
reinsten Befriedigung vollführte, dachte er. „Sollte aber vielleicht schon ein
Muttertier draus werden können“, setzte er vorsichtshalber hinzu, bei dem Typ
konnte man nicht wissen. „Na, da seid ihr ja ganz schön anspruchsvoll“, lachte
der Barkeeper auf und fügte zu Andreas gebeugt leise charmant hinzu: „Du kannst
ja mal meine Mutterqualitäten testen, Kleiner.“ Also doch, schrie es in Andreas
Kopf, so ein Schwein, dass der mich jetzt auch noch ungeniert anmacht! „Ich bin
übrigens Jochen“, näselte der Barkeeper weiter, stellte sein gepflegt
behandeltes Glas ab und gab Andreas über die Theke die Hand: „Kannst Jo zu mir
sagen, so nennen mich meine Freunde.“ Schnell zog Andreas angeekelt seine Hand
zurück. Dieser Typ nervt. Benimm dich. „Andreas“, brachte er schließlich mit
gequältem Lächeln heraus. „Was hast du zu trinken, Jo“, griff Michael ein. „Na,
kommt drauf an, was ihr wollt“, grunzte Jochen, „Antialk oder Alk?“ „Was ist
denn das?“ fragte Andreas überrascht. „Antialk für Kinder, Alk für Männer,“
klärte Jochen auf. Michael versetzte dem ungläubig blickenden Andreas einen
Stoß. „Alkohol oder wo nix Alkohol drin ist“, zischte er. Tom grinste die Jungs
an: „Wir nehmen natürlich Alk, alle drei!“ Jochen stellte jedem ein Glas
Tequila plus Zitrone auf die Theke. „Das wird euch beleben“, grinste er, „und
dass ihr mir das ja alle auf einmal austrinkt!“ Andreas schaute Michael
hilfesuchend an. „Wie trinkt man das eigentlich? Sag jetzt bloß nicht: Aus dem
Glas!“ stand in breiten Buchstaben auf seiner Stirn gemeißelt. „Erst die
Zitrone, dann der Saft“, übersetzte Jochen die Hieroglyphen auf Andreas´ Stirn.
Michael wagte es als Erster, saugte mit bitterem Gesicht die Zitrone aus und
kippte ohne zu zögern das Tequilaglas (nur den Inhalt) hinunter und schüttelte
sich. „Wow, das zieht voll durch, Mann. Los,
Andreas, probier´s!“ rief Michael. Andreas kaute auf der Zitrone, die in seinem Mund
sämtliche Nervenzellen zusammenzuziehen schien und der Tequila würde sie wohl
dann restlos absterben lassen, dachte er weiter. Er setzte das Glas an und –
mit einem Satz landete das Hochprozentige in seinem Rachen, verfehlte den dafür
vorgesehenen Eingang in die Speiseröhre und landete stattdessen knapp oberhalb
der Bronchien in der Luftröhre. Der Alkohol schien alles Sprengen zu wollen.
Andreas sprang heftig hustend vom Stuhl auf. Michael, Tom und Jochen lachten.
„Du musst eben schon den richtigen Eingang treffen“, säuselte Jochen zu
Andreas, der errötend seinen Hustenanfall zu bändigen versuchte. Als der Husten
nachließ, setzte er sich erleichtert wieder auf seinen Barhocker und meinte
selbstbewusst zu Jochen: „Keinen Tequila mehr für mich heute Abend!“
Tom schob verstohlen seinen Tequila von sich. Er
wollte sich nicht auch blamieren. „Jo, was hast du denn noch alles in deiner
Bar anzubieten,“ lenkte er die Aufmerksamkeit wieder auf die Getränke und
schaute sich neugierig in Jochens Reich um. „Wie wäre es denn damit?“ fragte
Tom auf eine Flasche Baileys deutend. „Na, ich sehe schon, ihr habt Geschmack,“
begann Jochen sein Verkaufsgespräch, „ihr bekommt von mir das absolut feinste
und anmachenste, was die Welt zu bieten hat“ – er kramte kurz hinter der Theke
– „sonnengereift und absolut verführerisch Französisch,“ präsentierte er seine
Flasche: „Exklusiv aus der Champagne bei Reims (sein Nasallaut klang doch etwas
deutsch hörte Toms französischabiturgeschultes Ohr heraus), extra für euch
hierher geliefert! Meine Herren, ich präsentiere ihnen den einzigen, wahren und
absolut besten, prickelndsten und erotischsten Schaumwein der Welt: den
Champagner!!!“
Andreas, Michael und Tom zeigten sich schwer
beeindruckt. „Für besondere Gäste mit besonderen Ansprüchen“, dabei zwinkerte
Jochen besonders Andreas zu. Jochen schraubte an der Flasche und PLOPP – sauste
der Verschluss Andreas knallend um die Ohren. Jochen goss das edle Getränk in
die Champagnerflöten vor ihm und stellte sie den Jungs auf die Theke. Grinsend
zwitscherte er dazu: „Und eines, Jungs, kann ich euch absolut versichern: Die
Mädels stehen da unheimlich drauf!“ Die Gesichter der männlichen Wesen
erheiterten sich bei dieser Tatsache doch ungemein. Ja, ihre Augen leuchteten mehr
als das glänzendste Licht, das in den buntesten Prismen der schäumenden Perlen
des Champagners reflektierte. „Jochen, lass die Flasche am besten stehen“,
orderte Tom in Vorfreude versunken. „Klar, na dann Prost!“ rief Jochen zurück. Die Gläser klirrten als die
drei auf diesen Abend anstießen. Sie wollten nicht erfolglos nach Hause
zurückkehren. Der Champagner schäumte zufrieden in ihren Mündern und sie ließen
ihn genüsslich den Rachen hinabrollen. Jetzt konnte der Abend nur noch gut
werden.
„Gut, Jungs, ich lass euch mal damit alleine und
immer schön die Augen offen halten!“ und damit verschwand Jochen auf die andere
Seite seiner Bar.
Tom nippte nachdenklich an seinem Glas und schaute
seine Freunde an. „Und, wie ist unsere nächste Vorgehensweise?“
Da sah Tom aus seinen Augenwinkeln heraus plötzlich
eine graziöse, elegante Gestalt auf sich zuwanken. Als er den Kopf ein wenig
drehte, blickte ihn das wundervollste Geschöpf auf Erden an, das er je gesehen
hatte. Groß, blond, lange wellende Locken, ozeanblaue Himmelsaugen, einem
tiefrot geschwungenen Schmollmund und als sie ihre schmalen Hüften wie in
Zeitlupe schwingend auf ihn zuwankte, wiegte Tom sich mit ihr schon vor dem
Traualtar stehend, die süßesten Worte des Priesters noch in seinen Ohren
klingend, steckten sie sich ihre Ringe gegenseitig an – ein inniger Blick, ein
langer Kuss – ah, Tom schloss die Augen. PLOPP – zerplatzte seine Seifenblase
und sie, die leibhaftigste Schicksalsgöttin, stand vor ihm und bewegte –
Schreck lass nach – auch noch ihre Lippen. „Jochen,“ hauchte sie in einer
erotischen Stimme, die jedes Eis im Whiskeyglas hätte zerfließen lassen, „kann
ich einen Drink haben?“ „Hallo Inge, du, ich glaube, die Jungs hier würden dir
gerne einen Drink spendieren“, grinste Jochen augenzwinkernd zurück. Andreas
hustete, Tom schluckte hart, Michael räusperte sich. „Lust auf Champagner?“
versuchte Michael so belanglos wie möglich zu klingen. „Aber gerne doch“,
entgegnete Inge mit einem entzückenden Lächeln und rutschte ein Stück näher an
Michael heran, dem inzwischen heißkalte Schauer über den Rücken liefen. „Ich
liebe Champagner“, hauchte sie ihm ins Gesicht. Ihr süßlicher Duft umhüllte ihn
mit tausend Pheromonnadeln. Was für eine Frau, dachte Michael nur. Tom konnte
es kaum fassen. Wie konnte es nur passieren, dass diese seine Wunschtraumfrau
nun plötzlich mit Michael hinein flirtete, während er nur daneben stehen und
zuschauen musste? Das gibt es doch gar nicht! Schließlich hatte er sie zuerst
gesehen! Und der Traualtar. Nein, Tom musste etwas dagegen unternehmen. Er
schnappte sich also zielstrebig die Champagnerflasche und gab seinem
unwiderstehlichen mathematischen Charme alle Reserven. „Darf ich dir
einschenken, Inge?“ „Aber gerne doch“, sagte Inge sich Tom zuwendend. WOW. Wie
viel Energie doch in diesen wenigen Worten steckten. Für Tom reichte es, um ihn
komplett zu elektrisieren. Absolute Knisterstimmung lag in der Luft. Jochen
stellte noch eine Champagnerflöte für Inge auf die Theke. Andreas fischte die
Flasche aus Toms erstarrter Hand und schenkte Inge ein. Tom stand immer noch
wie erstarrt da. „Lass es dir schmecken, Inge“, prostete er mit ihr an. Die
Gläser schellten laut. Das war das Signal. Tom erwachte wieder, in seinem Kopf
klingelten alle Glocken. Seine unbewusste Wahrnehmung signalisierte ihm, dass
Andreas das Feld übernommen hatte. Oh, das würde ein erbitterter Hahnenkampf
werden. Ich räume doch hier nicht freiwillig das Feld! Tom brachte seinen
letzten Mut auf und setzte alles auf eine Karte. Er war bereit! Tom nahm sein
halbleeres Champagnerglas von der Theke und schritt auf Inge zu. Das Herz
hämmerte bis zum Hals, der Kloß in seinem Kehlkopf schien den Adamsapfel zum
Bersten zu bringen. Der Kopf war so leer wie eine ausgetrunkene Bierflasche, so
leer wie eine Kloschüssel, nachdem man die Spülung gedrückt hat, äh, ja, oder
so ähnlich. Ich denke, Sie wissen schon, was ich meine.
„Hallo Inge, ich bin Tom,“ redete Tom in einem
ununterbrechbaren Redeschwall darauf los, „ich habe mich ja noch gar nicht
vorgestellt, also ich bin Tom, ich studiere BWL – Betriebswirtschaftslehre und
ehrlich, das macht ganz viel Spaß, auch wenn viele sagen, dass das so viel mit
Zahlen und so zu tun hat, aber ich komme damit gut zurecht, ja Zahlen machen
mir echt Spaß, denn es ist faszinierend zu sehen, wie die ganze Welt um uns
herum von Zahlen und Ordnungen durchdrungen ist, nehmen wir nur mal als
Beispiel das Sonnensystem. Es ist doch wirklich eine erstaunliche mathematische
Präzision erforderlich, neun Planeten, 65 Satelliten, also Monde und dazu noch
eine ganze Menge undefinierbarer Asteroiden, Kometen und kosmischen Staub so
geordnet um die Sonne kreisen zu lassen, dass sie möglichst nicht aneinander
stoßen. Auch wenn dies meist in ekliptischen Bahnen vonstatten geht,
überkreuzen sich nur die Umlaufbahnen des Neptun und Pluto, dieser übrigens
benötigt eine Sonnenumlaufzeit von 247,7 Jahren. Allein das zeigt schon die
Riesendimensionen im Vergleich unserer Erde, die gerade mal 365,26 Tage für
einen Sonnenumlauf, wir sagen dazu auf der Erde ein Jahr, benötigt. Eine
unermessliche Differenz, die wir mit unserem Leben wahrscheinlich gar nicht so
begreifen können, was z.B. die zahlenmäßige Entfernung, Pluto ist maximal 7375
Millionen Kilometer von der Sonne entfernt, die Erde gerade mal 152,1 Millionen
Kilometer von der Sonne, nicht unbedingt so deutlich werden lässt.
In der Mathematik gibt es ganz klar umrissene
Gesetze, an die sich jeder halten muss um zu einem Ergebnis zu kommen. Seien es
beispielsweise die einfachen Grundgesetze wie die Kommunikativ-, Assoziativ- und
Distributivgesetze oder die zur Aussagenalgebra gehörenden Idempotenz-,
Absorptions- und Transitivgesetze. Selbst die Geometrie ist für jeden
Architekten, Techniker, Ingenieur, etc unabdingbar. Man muss die Sachen, die
man baut, ja schließlich vorher berechnen, damit man auch weiß, wie das später
mal aussehen wird. Und dafür braucht man z. B. den Satz des Pythagoras, die
Kongruenz-, Ähnlichkeits- und Strahlensätze sowie Körperberechnungen für
Würfel-, Quader- und Prismaformen oder solche wie Tetraeder, Dodekaeder,
Ikosaeder, Zylinder etc könnte man beliebig fortführen. Da wäre ja noch der
Bereich der Stochastik, der uns ausrechnen lassen könnte, welche Chancen wir
haben beim Lotto zu gewinnen – nebenbei gesagt ist es wesentlich geringer als
von einem Auto überfahren zu werden – oder
welche Chancen man hätte, an Thyphus zu erkranken oder eine nette Frau
kennen zu lernen“, wobei Tom versuchte, sein entzückendstes Lächeln aufzusetzen
und schon wieder in seine Tagträume in Gestalt der schönen Inge zu verfliegen
schien. Doch als er sich umschaute musste er feststellen, dass er nur noch ganz
alleine vor der Bar stand. Seine weise gewählten Vortragsworte, die doch von
solch mathematischer Präzision geschliffen waren, hätten doch jede Frau so
umgarnen müssen, dass sie nichts anderes mehr wollte als sich nach konkreter
mathematischer Vereinigung zu sehnen. Toms korrekte Welt stand Kopf. Was war
nur geschehen?
Inge ist nicht vom Mars, sondern von der Venus und
da herrschen ganz andere Naturgesetze!
Nachdem sich Inges Gesicht von Toms unbegrenzten
Redefall verfinstert hatte, glitt ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem
Champagnerglas zu, die akustischen Ausbrüche Toms zogen an ihren Ohren einfach
vorbei. Inge nippte gelangweilt an ihrem Glas und entdeckte Andreas, der ihr
gegenüber saß. Andreas entzückte ganz von dieser plötzlichen
Aufmerksamkeitszuwendung, ja, Inge schien mit einem Mal nur noch ihm, Andreas
zu gehören. Voller Tatendrang heftete sich sein Blick auf ihren süßen Mund,
ihre rotseidigen Lippen, was für eine Kontur, dachte er so bei sich.
Gedankenversunken rutschte sein Blick auf ihren Busen. In seinem Kopf formte er
schon den großen üppigen Vorderbau mit seinen Händen nach, diese ästhetische
Schönheit, Claudia Schiffer war ein armes Mädchen dagegen.
Während sich Andreas immer mehr in den imaginären
Vorderwald und dessen Gestrüpp zu verirren schien, ergriff Michael seine
Chance. „Darf ich dir nachgießen, Inge? Nicht dass du uns vertrocknest“, meinte
er scherzend und schenkte Inge nach. Andreas erschrak fast zu Tode, als sein
feenhafter Vorderwald sich plötzlich in Bewegung setzte und statt des üppigen
Waldes nun leider nur noch die trockene, wüste Rückseite zu sehen war. Beinahe
hätte er seine Hände zur Hand genommen und persönlich nachkontrolliert, ob sein
Traum auch wirklich geplatzt war, aber glücklicherweise besann er sich
rechtzeitig (Gott sei Dank!!!).
„Ach, bist du süß, danke“, hörten Tom und Andreas
Inge zu Michael säuseln und –welche Schandtat! – sie tätschelte doch
tatsächlich Michaels Wange!!! Dieser Verräter!!! Dieser Judas!!! Dieser
Iskariot!!! DIESER – Tom und Andreas waren sprachlos. Mit offenen Mündern
starrten sie Michael an, wie er sich immer näher an Inge heranpirschte, keine
handbreit trennte ihn mehr von ihr und wie verliebt sich die beiden in die
Augen schauten. AAAAAH!!! Und jetzt küssten sie sich!!! Und auch noch auf den
Mund!!! NEIN!!! Tom fiel fast in Ohnmacht, er hyperventilierte, sein Herz
setzte aus, Andreas musste ihn auffangen.
Michael spürte die weichen großen Lippen auf den
seinigen warm dahingleiten. Wow, was für ein Gefühl. Er schloss die Augen. Ihre
Lippen rochen so, hm, süßlich, so nach Kirsche und sie schmeckte
unwiderstehlich gut. Es erinnerte an, fast so wie an – Kaugummi. Kaugummi?
Michael erschrak selbst bei dem Gedanken. Inge sog immer noch an seinen Lippen,
so ähnlich wie wenn ein Baby nuckelt, jetzt krieg ich auch schon Muttergefühle,
dachte Michael, ob das irgendwas zu bedeuten hat?
Inge hing nun seit mindestens fünf Minuten an seinen
Lippen. Da kam Michael ein fürchterlicher Verdacht: Das hat doch hoffentlich
nichts mit dem Kaugummi zu tun oder? Michaels anfängliche Begeisterung war
jetzt der Hilflosigkeit gewichen. Solche Situationen hatte er noch nie
gemanagt. Wie kriege ich das Baby wieder von meinen Lippen ab? fragte er sich
verzweifelt. Ok, ich probiere es auf die sanfte und unauffälligste Weise.
Vorsichtig nahm er Inges Schultern in seine Hände und versuchte sie allmählich
von sich wegzuschieben. Es half nichts. Das Kaugummi klebte. Ok, Methode Nr.2:
Er nahm ihren Kopf und drückte ihn langsam von sich weg. Mit seinen
Schweißhänden rutschte er versehentlich auf ihrem make-up- igen Gesicht aus und
verfing sich in den Haaren, die von Festiger und Haarspray so hart waren, dass
man sie hätte brechen können. Tja, armer Michael. Da hing er also gefangen in
dem Haarwalddschungel, festgeklebt an ein kusssaugendes Haarspraymonster.
Das arme Opfer des Kussmonsters schien sich
allmählich wieder zu erholen. Inge war inzwischen weg und auch viele andere
Gäste waren schon nach Hause aufgebrochen. Die zweite Champagnerflasche hatten
die drei Jungs nun weitgehend geleert, nur noch spärliche Überreste waren übrig
geblieben. Mit müden glasigen Augen hingen sie stumm über ihren leeren Gläsern
und trauerten still dem verflossenen Abend und seinen Gestalten nach.
Michael hatte sich effektiv von Inge befreit, in dem
er sich vom Stuhl fallen ließ. Eine sehr erfolgreiche Methode, Nachteil war nur
die Beule am Hinterkopf. Aber Michael nahm das mutig in Kauf, Hauptsache er war
das Kussmonster los. Nachdem er ihr gesagt hatte, dass sie wie ein „HubbaBubba“
– Kaugummi küsse, hatte Inge schnaubend ihren Platz an Michaels Seite verlassen
und war seither nicht mehr aufgetaucht. Alle Versuche von Tom, Andreas und
Jochen sie noch zum Dableiben zu überreden, waren fehl geschlagen. Nach
Michaels Auftritt hatten sich allerdings alle weiblichen Wesen von den dreien
ferngehalten. Man konnte schließlich nicht wissen, wozu die drei noch fähig
waren. Sicherheitsabstand war da besser. Da zog auch die zweite Flasche
Champagner nicht, die verführerisch auf der Theke vor den Jungs lauerte.
Die Disco leerte sich zunehmend. Die
Zigarettenwölkchen lichteten sich und die Musik wechselte zu ruhigen Balladen. „I feel lonely, Lo-lo-lo-lonely, you´re the one and only, that makes me
feel so blue“- tönte Sasha aus den Boxen und Tom nickte nur zustimmend im Takt
dazu. Die
letzten Schmusepärchen bewegten sich eng aneinandergeschmiegt über die
Tanzfläche. Neidisch lugten die Jungs mit einem halben wachen Auge hinüber,
aber sie waren eigentlich fast zu angetrunken, um noch zu registrieren, was um
sie herum noch ablief. Jochen räumte die leeren Tische ab und verstaute die
Gläser in seiner Spülmaschine in der Bar. Es wurde langsam Zeit für die Jungs
zum Aufbrechen. Die Disco würde bald schließen. „Jungs, Ihr müsst euch jetzt
auch mal auf den Weg machen. Wir sind hier gleich fertig,“ versuchte er die
Jungs zu reanimieren. Die waren halb Alkohol-, halb Liebeskummerleichen. „Ja,
ja,“ philosophierte Tom wehmütig, „das war also unser toller Abend. So viele
schöne Frauen – ach, ach...“ „aber alle nicht unser,“ ergänzte Michael mit
schwerer Zunge traurig. „Jochen, wir zahlen,“ lallte Tom. „Was macht das?“
„Drei Tequila, zwei Flaschen Champagner, drei Cocktails-“, er rechnete kurz,
„macht 200 Euro.“ Tom erschrak trotz seines Halbwach-Alkohol-Deliriums. Für
Zahlen und Geldbeträgen im besonderen war er in jedem Zustand aufnahmefähig. In
seinem Kopf klingelte schon das verronnene Geld, so zerflossen wie die
schäumenden Träume über die Frauen. Besonders die von heute Abend... „Ok, hier
ist meine Kreditkarte,“ Tom zückte leidend seine Kreditkarte und hielt sie
Jochen hin. „Sorry, aber wir nehmen keine Karten. Geht´s auch in bar?,“
entgegnete er die Champagnergläser abräumend. Tom hickste. Schluckauf. War wohl
doch zu viel heute Abend, dachte er bei sich. Mit aller Kraft formte er seine
Lippen: „Nein, müssen wir wohl zusammenlegen, was Jungs?“ Klar, zuerst der
große Macker und jetzt mal wieder keinen Euro, ist ja typisch, dachte Andreas.
Er kramte missmutig in seinem Geldbeutel und kratzte 100 Euro zusammen. Michael
legte die restlichen 100 Euro dazu. „Jungs, ich gebe es euch zu Hause zurück,
ok?“ lallte Tom. Er verzog die Augen und rutschte vom Stuhl. Na hoffentlich ist
das nicht derselbe Ich-zieh-mich-mal-aus-der-Affäre-Trick wie bei Michael,
dachte Andreas, mein Geld sehe ich sowieso nie wieder, ich kenne dich ja
inzwischen. Als Michael und Andreas Sekunden später ein sägendes Schnarchen vom
Boden vernahmen wussten sie, dass Tom – zwar unbequem – aber immerhin nur
eingeschlafen war und sonstige etwaige Verletzungen wohl glücklicherweise nicht
zu befürchten waren. Andreas und Michael verabschiedeten sich bei Jochen,
klemmten den friedlich schnarchenden Tom unter die Achseln und arbeiteten sich
ächzend die Treppe zum Ausgang hoch. Auf dem leeren Parkplatz schoben sie Tom
in Andreas Auto auf die Rückbank und schnallten ihn fest. Was für ein
schrecklicher Abend, dachte Andreas nur, als er den Motor startete und die
Ausfahrt zur Disco hinausfuhr. Der Morgen graute und der Sonnenaufgang schien
nicht mehr fern. Was für eine durchzechte Nacht! Er beobachtete den grunzend
schlummernden Tom im Rückspiegel. Nie wieder, dachte er. So eine bescheuerte
Wette. Nur so ein verrückter Kerl wie Tom hatte sich so etwas ausdenken können?
Tim vergrub seine Hände in den Taschen seines
Mantels und wartete, während sein Atem in der kalten Luft kleine Wölkchen
bildete. Es hatte geschneit und die ganze Stadt versank in einem wundervoll
zarten Schneekleid. Tim hätte sich satt daran sehen können. Als wenn das
pulsierende städtische Leben plötzlich still stehen würde, so friedlich ruhte
die weiße Pracht auf den Wiesen, Häuser- und Straßenzügen, den Baumkronen.
Tim konnte die Anzeigenuhr gegenüber des Nationaltheaters
sehen. 17:40 Uhr. Wo blieb Karsten? Sie waren um 17:25 Uhr hier vor dem
Nationaltheater verabredet. Um 18:00 Uhr begann die Oper und Tim hatte die
Karten schon geholt. Drei Karten für Parkett, Reihe 5 Mitte 150 Euro. Eine
ganze Menge Geld für einen Opernabend und besonders für einen Studenten zum
Vorlegen. Er blickte auf das Handy, auch nichts. Nun ja, dann hieß es eben
warten in der eisigen Kälte und den Schnee genießen.
Karsten und Tim hatten Donnerstags nach langem
Beraten entschlossen, am Wochenende in die Oper zu gehen. Karsten hatte diese
Woche eine reizende Frau bei einer Modenschau kennen gelernt und nun wollte
Karsten mit ihr ausgehen. Anna – so hieß Karstens neue Bekannte – studierte
Kunstgeschichte und Germanistik und jobbte nebenbei bei der gleichen Firma wie
Karsten. So wollte Karsten mit ihr etwas Besonderes unternehmen. Also nicht so
etwas „Gewöhnliches“ wie einen Discobesuch, sondern etwas Stilvolles,
Niveauvolles, etwas, woran sie sich lange erinnern würde. Und so schlug Tim –
als Musikwissenschaftler bestens bewandert – einen Opernbesuch vor. Eine große
Auswahl an Opern bestand nicht, am Samstag wurde „Hänsel und Gretel“ von
Humperdinck aufgeführt, am Sonntag „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss. Da
„Hänsel und Gretel“ doch eher einen infantilen Beiklang hatte, entschied
Karsten sich für „Der Rosenkavalier“. Allein der Titel stellte doch schon etwas
dar. Und außerdem bestanden – rein zufällig natürlich – gute
Bezugsmöglichkeiten zum Spender – sozusagen dem „Opernkavalier“ Karsten selbst.
Also bestellte Tim drei Karten, 50 Euro pro Karte
sollten für das perfekte Opernerlebnis reichen. Treffpunkt war 17:25 Uhr am
Nationaltheater, Tim sollte die Karten abholen und an Karsten und Anna
weitergeben, so bliebe genügend Zeit für einen kleinen Small Talk, ein Gläschen
Sekt, einen letzten Toilettenbesuch und für Unvorhergesehenes, selbst das
musste man ja einplanen.
Karsten wollte Anna mit dem Wagen seiner Eltern
abholen und sie zum Nationaltheater mitnehmen. Karsten hatte sich – in weiser Voraussicht
– den Suzuki mit Allradantrieb von seinen Eltern ausgeliehen. Schließlich
sollte nichts schief gehen. Gerade bei diesem Schneewetter musste man
vorsichtig sein.
Er parkte den Wagen vor dem Haus, wo Anna wohnte.
Hier in der Weststadt waren die Wohnungen teuer, die Leute vornehmer, die
Anwesen größer, die Zäune dicker und höher und gut abgesichert. Alarmanlagen
waren hier die Regel.
Das Anwesen von Annas Eltern glich einer halben
Festung. Aber das schreckte Karsten nicht ab, diese Leute hatten eben etwas
erreicht und das mussten sie jetzt vor den anderen schützen. Er klingelte auf
der Videosprechanlage. Ein kurzes Knacken, dann summte das eiserne Hoftor.
„Komm doch kurz rein,“ hörte er Annas Stimme verzerrt durch die Sprechanlage.
Karsten schritt durch die Hofeinfahrt auf das schlossähnliche Anwesen zu und da
stand auch schon seine Traumfrau mitten in der schweren Holztür. Sie sah
großartig aus. Sie hatte ein langes rotes glitzerndes Kleid an und hatte sich
ein bisschen aufgestylt. Einfach umwerfend, dachte Karsten. Sie lächelte und
schien sein Staunen zu bemerken. „Na, gut gefunden?“ fragte sie. „Ja, sehr gut,
war nicht zu verfehlen,“ entgegnete er, ihr Lächeln erwidernd. „Mit Verlaub, du
siehst hinreißend aus,“ fügte er hinzu und schaute ihr tief in die Augen.
„Danke,“ sagte sie das Kompliment genießend. Hinter der Tür verschwindend
murmelte sie: „Komm mal mit, ich muss dich jemandem vorstellen.“ Karsten trat
ein und schloss leise die Tür. Er folgte Anna durch einen langen Flur, wo
Ölgemälde aus verschiedenen Jahrhunderten hingen. Daher die Liebe zur Kunst,
dachte er beiläufig. Sie kamen in einen offenen hellen Raum, wo ein paar edle
braune Ledersessel und eine lange Ledercouch auf einem großen Orientteppich
thronten. „Sie müssen Karsten Mann sein,“ hörte er eine tiefe Stimme sagen und
da kam auch schon Annas Vater auf ihn zu und streckte ihm die Hand hin. „Anna
hat schon einiges von ihnen erzählt,“ lächelte er. „Ein Mensch mit so einem
literarischen Nachnamen, jetzt sehe ich sie endlich mal in Realität,“ fügte er
stolz hinzu. Karsten schaute ein bisschen ungläubig. Literarischer Nachname?
Muss ich wohl mal mein Gedächtnis ein bisschen auffrischen. Er biss sich auf
die Lippe. „Danke, Herr Kunz, mir ist es auch eine Ehre sie kennen zu lernen,“
er ergriff schnell Herrn Kunz Hand und schüttelte sie energisch. „Soso,“ begann
Kunz auf seiner Zigarre kauend, „sie gehen also heute mit meiner Tochter in
„Den Rosenkavalier“. Da werden Sie sicherlich ihre Freude haben, auch wenn das
Stück fast vier Stunden geht.“ Vier Stunden? Oh Gott, warum hatte Tim ihm das
nicht gesagt? „Ich bewundere Männer, die sich auf so etwas einlassen. Aber ich
weiß, es ist natürlich nur der Musik zu Liebe, nicht wahr?“ zwinkerte Herr Kunz
ihm zu. „Ich liebe ja auch die Oper, aber eher Wagner, wissen sie. Das ist
großartiges Musiktheater, viel größer als Strauss. Aber ich möchte Ihnen den
Abend nicht verderben. Viel Spaß mein Lieber, ich hoffe wir sehen uns bald
wieder.“ Er gab Karsten zum Abschied die Hand und klopfte ihm freundlich auf die
Schulter. Dann verschwand er, seine Zigarre genüsslich einsaugend, hinter
stinkenden Rauchwolken in seinem Arbeitszimmer.
Karsten und Anna brachen auf. Da noch Schnee im Hof
lag, bot Karsten als Kavalier seinen Arm an, damit Anna sich einhängen konnte. Sie
griff sofort zu und so stapften sie durch die Schneereste zu Karstens Auto.
Karsten öffnete die Beifahrertür und geleitete Anna auf ihren Sitz. Schließlich
stieg auch er ein und fuhr los.
Tim schaute
nochmal auf die Anzeigentafel. 17:47 Uhr. Allmählich wurde es knapp für
die Oper. Und zu spät kommen wollte er auch nicht. Dann wird man nämlich in die
„Zuspätkommer“- Loge im hintersten Teil des Theaters verfrachtet und dafür
hatte er keine Lust. Die Karten hatten immerhin viel Geld gekostet. Er trat von
einem Bein auf das andere. Es war kalt.
Karsten rangierte gerade in einen engen Parkplatz
hinein. Hier in der Stadt war es oft schwierig überhaupt einen Parkplatz zu
finden, wenn man keinen Zonenparkausweis besaß oder nicht ins teure Parkhaus
fahren wollte. Da blieb dann nur das permanente Umkreisen, Schauen und Suchen.
„Da fährt gerade einer raus,“ Anna fuchtelte vor
Karstens Nase. „Ja, klasse,“ rief er genervt aus. Die Parklücke war verdammt
eng. Beherrsch dich vor einer schönen Dame, dachte er, Flüche kommen da nicht
so gut. Er biss sich kräftig auf die Zunge bis der Wagen endlich drin stand.
Immer noch ganz Gentleman sprang er aus dem Wagen und öffnete Anna die
Beifahrertür. Wacklig stieg sie aus und ergriff Karstens Arm. Er schloss per
Zentralverriegelung das Auto ab und tapste mit Anna im Arm los. Es war verdammt
spät. Immer diese blöde Parkplatzsuche, dachte er. Er versuchte ein bisschen
schneller zu gehen, doch Anna bremste ungemein. Wenn diese Pumps nicht so
verdammt sexy aussehen würden, dachte Karsten, hätte ich die wohl schon längst
auf den Mülleimer geworfen. Zum Glück muss ich als Mann so etwas nicht tragen.
Das würde mich noch wahnsinnig machen. Er hakte Anna nochmal fester unter und
schritt los. Anna kam kaum noch hinterher. Plötzlich fühlte sie eine Bordkante
unter ihren Füßen und konnte nicht mehr halten, Karsten zog zu stark, Mist...
PLATSCH! Anna fiel hin. Entsetzt begutachtete Karsten sie. Oh, Anna lag mitten
im Schneematsch und ihr schönes Kleid war jetzt wohl auch dahin. Selbst der Mantel
sah sehr mitgenommen aus. Karsten hob sie auf. „Ist alles ok, Anna? Hast du dir
weh getan?“ fragte er besorgt. Anna sagte nichts. Sie schaute betreten auf ihr
Kleid und ihren Mantel. „Ich weiß nicht ganz, ob ich jetzt lachen oder weinen
soll,“ entgegnete Karsten nach einer kleinen Weile. „Ganz ehrlich, du siehst
selbst vom Dreckmatsch gezeichnet schöner aus, als jede Frau, die ich kenne,“
sagte Karsten lächelnd. Anna lächelte zurück. „Ok, ich entscheide mich für das
Lachen,“ entgegnete sie entschlossen. „Komm lass uns gehen,“ sagte Karsten und
nahm Anna wieder unter den Arm. Dieses Mal lief er allerdings langsamer und
glich sich Annas Tempo an. So ein Unglück sollte schließlich nicht nochmal
passieren.
Tim wartete immer noch vor dem Eingang zum Nationaltheater.
17:55 Uhr war es mittlerweile und er hatte sich schon damit abgefunden zu spät
zu kommen. Das reichte nun selbst für einen Schnellverfahren-Toiletten-Gang
nicht mehr. Er drehte sich um. Da sah er zwei Gestalten auf sich zukommen.
Karsten hatte sich fein herausgeputzt, er trug unter seinem Mantel einen Anzug
und Krawatte und seine blonden Haare blitzten im Licht der Neontafeln. Neben
ihm, das musste wohl Anna sein. Sie hatte ein langes rotes Kleid an, das
allerdings ein wenig verfleckt war und auch ihr Mantel hatte einige Spritzer
Matsch abbekommen. Sie sah gut aus, auch wenn ihre Haare etwas zerzaust waren
und ihre Strumpfhose eine Laufmasche hatte.
„Hallo Tim,“ freute sich Karsten, „entschuldige,
dass es ein bisschen länger gedauert hat, wir haben keinen Parkplatz gefunden.“
Tim nickte. „Schon in Ordnung. Hallo Anna. Hier sind die Karten,“ er wedelte
mit den Karten und drückte jedem eine in die Hand. „Jetzt müssen wir aber
wirklich rein,“ fügte er hinzu. Die drei setzten sich in Bewegung. Tim allen
voran. Sie gaben ihre Mäntel noch an der Garderobe ab, hasteten ins Parkett und
schlüpften durch die bereits sitzenden Leute, die Anna etwas seltsam hinterher
blickten, auf ihre Plätze. Tim ließ sich in seinen Sitz fallen und seufzte.
18:00 Uhr. Gerade noch geschafft.
Die Musik begann und der Vorhang öffnete sich im
Widerhall des lauten Applauses.
Karsten lehnte sich entspannt zurück. Puh! Erste
Etappe gerade noch geschafft. Das durfte nicht nochmal passieren! Vielleicht
konnte er mit Anna demnächst mal einkaufen gehen, als Entschuldigung sozusagen.
Er könnte ihr ein neues Kleid kaufen, ein paar neue Schuhe. Ja, das war eine
gute Idee, das würde er machen. Er würde es ihr nachher vorschlagen. Aber jetzt
konnte er sich erst einmal in den bequemen Sessel kuscheln, die ruhige Musik
genießen, ein bisschen die Augen schließen.
„Hallo!“ rief jemand, „hallo, hallo Karsten!“ Was
war denn das? Wer rief denn da mitten in der Oper? Und wer schüttelte ihn so
unsanft? Und diese Nebelschleier vor den Augen, waren die vorhin auch schon da?
-- Oh Gott! Karsten erschrak und setzte sich mit einem Ruck auf. Das war ja
Tim, der ihn da die ganze Zeit rüttelte. Er schaute sich entsetzt um. Oh! Oh
nein! Sie saßen ja immer noch in der Oper, aber der Raum war ganz leer und wo
war Anna? NEIN, NEIN! Das durfte nicht wahr sein! „Oh
Tim, was?“ „Mein
lieber Karsten“, begann Tim, „zu deiner Aufklärung: Du hast gerade den ersten
Akt verschlafen und geschnarcht hast du wie ein Walross, das seit hundert
Jahren nicht mehr geschlafen hat! Das haben selbst die Pauken und Trompeten
nicht mehr übertönen können!“ Karsten schluckte hart und versank tief im
Sessel. Oh, wie peinlich! Er schaute betreten zu Boden und lief rot an. „Und
Anna?“ fragte er nach einer bedeutungsschwangeren Pause hoffnungsvoll. Tim
setzte sich neben Karsten. „Anna ist gleich in der Pause auf die Toilette
verschwunden, sich frisch machen.“ Tim grinste und gab Karsten einen
aufmunternden Stoß. „Wir haben ausgemacht, dass wir uns an der Sektbar treffen.
Also komm, hoch mit dir, ich glaube, ein Glas Sekt würde dir jetzt auch gut
tun, oder?“ Karsten überlegte kurz. „Ok, ich komme mit.“ Tim zog Karsten empor
und schon watschelten sie aus dem Opernsaal hinaus.
Tim und Karsten drückten sich durch die engen
Menschengassen hindurch, die die vielen Opernbesucher übrig gelassen hatten und
strebten zielgerichtet die silbern verkleidete Sektbar am Ende des Foyers an.
Karsten versuchte so belanglos wie möglich sich an den Menschen vorbeizumogeln,
aber ihm kam es vor, als schienen sie ihn alle von oben bis unten zu mustern.
Endlich an der Sektbar angekommen, mussten sie sich in die lange Schlange
stellen, worauf Karsten absolut keine
Lust hatte. Er entdeckte einen freien Platz an einem der Stehtische und tippte
Tim auf die Schulter. „Du Tim, ich stell mich mal da an den Tisch, der ist
gerade frei, ok?“ Tim nickte „Ok, bis gleich.“ Und schon verschwand Karsten an
den Stehtisch gegenüber der Sektbar.
Karsten sah sich um. Das Foyer des Nationaltheaters
streckte sich an einer langen Glasfront entlang. Gemütliche Plüschsessel und
einzelne Stühle standen verstreut in dem weitläufigen Raum herum, als wenn sie
auf müde Besucher warten würden. Und natürlich waren die jetzt alle gut
gefüllt. Nach einer Weile, Tim hatte schon beachtliche zehn Schritte in der
endlosen Schlange gemacht, blitzte zwischen den umherstehenden Menschen etwas
Rotes auf. Karsten schaute sich um. Da war doch was. Hm, nein. Wohl doch
nichts.
Tim wartete immer noch. Ob das heute nochmal was
wird? Er schaute auf die Uhr. Die Pause näherte sich langsam ihrem Ende.
„Na, gut geschlafen?“ hörte er hinter sich eine
Frauenstimme ironisch sagen. Karsten drehte sich erschrocken um. Und da stand
sie. Sein ein und alles. Anna, seine liebste Traumfrau, mit ihren verspielten
tiefroten Lippen. Das rote Kleid schmiegte sich sanft um ihre runden Hüften.
Wie verführerisch sie doch aussah, keine einzige Spur mehr von dem Sturz von
vorhin. Alles was ich möchte ist aufwachen und dich neben mir liegen haben,
alles was ich mir je erträumte fließt in dir zusammen – ach, Anna.
Annas Augen funkelten zornig. Sie beherrschte sich.
Da kam gerade Tim mit drei Sektgläsern an den Tisch. „So, doch noch geschafft.
Ich hoffe, Ihr trinkt alle ein Gläschen mit? Ich lade euch ein,“ grinste er.
Und schon schob er Anna und Karsten ein Glas hin. „Anna, wie hat dir der erste
Akt gefallen?“ versuchte Tim so belanglos wie möglich zu fragen. „Ach, ganz
gut,“ entgegnete Anna, „die Musik fand ich teilweise ein bisschen zu ruhig und
die Aussprache der Sänger zu undeutlich, aber die Bühnenshow an sich und die
Inszenierung hat mir sehr gut gefallen. Vor allem das Bühnenbild in diesen
funkelnden Blautönen, das sah klasse aus!“
Karsten beobachtete fasziniert Anna beim Sprechen.
Wie sie ihren roten Mund bewegte, ihre Augen aufschlug, ihre Gesten formte.
„Ja, das hat mir auch sehr gut gefallen,“ fuhr Tim weiter, „die Idee, das
Schlafzimmer als Ufer und das Bett als Boot umzubauen, das ist ja absolut
genial!“
Karsten nahm einen großen Schluck Sekt. Hm, wie der
im Gaumen bitzelnd perlte und sich so
genüsslich einsaugen ließ.
„Aber dass die ihre Leute immer im Schlafzimmer
empfangen und sich von allen zuschauen lassen, wie sie angekleidet wurden, ich
glaube nicht, dass das früher auch so war.“
Schlafzimmer? Dachte Karsten, was will denn Tim mit
einem Schlafzimmer?
„Die mussten das auf der Bühne wohl alles
komprimieren, ginge sonst schlecht darzustellen und so müssen die Besucher der
Frau des Feldmarschalls eben beim Ankleiden zuschauen,“ meinte Anna und
lächelte. Karsten starb fast vor Entzücken. Dieses Lächeln, so süß, so
charmant, so unwiderstehlich, oh dieser wundervolle Mund.
„Hast du dich von deinem Nickerchen eigentlich
wieder gut erholt, Karsten?“ fragte Anna abrupt. Karsten zuckte zusammen. „Was?
Äh,“ stammelte er, „ja, ich habe mich gut erholt, hatte ja genügend Zeit zum
Regenerieren während des Schlafes.“ Seine Wangen fingen an zu erglühen. „Das
war so warm da drin, weißt du, und so viele Leute, die schlechte Luft und so“,
meinte er betreten in sein Sektglas hineinschauend. „Ja, das stimmt“, nickte
Anna verständnisvoll, „die Luft da drin ist wirklich nicht die beste und ich
wäre auch beinahe eingeschlafen, so warm wie das war und dann auch noch diese
ruhige Musik, gell.“ Anna und Karsten schwiegen eine Weile vor sich hin und
beide wussten nicht so recht, was sie zu diesem „Vorfall“ eigentlich sagen
sollten. Da griff Tim ein. „Weißt du, Karsten,“ begann er grinsend, „das Gute
an deinem Nickerchen ist, dass du jetzt völlig relaxt und entspannt den
nächsten beiden Akten lauschen kannst.“ Ein lauter Gong übertönte Tims Grinsen
und läutete das Ende der Pause ein. Alles setzte sich allmählich in Bewegung.
Tim gab noch schnell die drei Sektgläser ab und dann schritten sie wieder
zurück zu ihren Plätzen in der 5.Reihe.
Nach fünf Stunden wurden Anna, Karsten und Tim
schließlich aus der Oper in die gewöhnliche Realität wieder entlassen, so in
etwa fünf geliebten und entliebten Opernhelden, zehn betrunkenen Hofnarren
sowie drei Toilettengängen, fünf Taschentüchern, ein Liter Schweiß, zwei
Tiefschlafphasen und tausend Entschuldigungen später.
„Habt ihr eigentlich noch Lust auszugehen?“ fragte
Tim hungrig. „Ja, an was dachtest du denn?“ entgegnete Karsten. „Wie wäre es
mit dem Café Jazz? Das ist ein Stück in die Innenstadt rein, in der Nähe vom
Marktplatz,“ erklärte Tim. „Hm,“ Karsten überlegte, „wie wäre es, wenn wir mit
deinem Auto runterfahren und lassen meines hier stehen? Das werden wir nachher
bestimmt wieder finden.“ „Ok, können wir machen, ich habe gleich hier auf dem
Parkplatz vom Nationaltheater geparkt.“
Tim stiefelte los. Seine Atemwölkchen tanzten munter
in der klaren Nachtluft und bildeten weißgraue Schleier. Auf dem Parkplatz
verschwanden die Autos hinter dicken Schneetürmen und lugten freundlich unter
den kalten Eisdecken hervor. Anna und Karsten stapften hinter Tim zu dessen
Auto, einem neuen Golf-Beetle, hinterher. Die festgefrorenen Eisplatten auf dem
Asphalt waren so rutschig wie auf einer Schlittschuhbahn, nur dass Tim, Karsten
und schon gar nicht Anna welche an hatten. Anna hangelte sich mit ihren hohen
roten Pumps vorsichtig über das Eis. Karsten folgte ihr dicht und während er
jede ihrer Bewegungen aufmerksam registrierte – er wollte ja schließlich nicht,
dass sie heute noch ein zweites Mal hinfiel – hätte er beinahe selbst das Gleichgewicht
verloren, fing sich aber rechtzeitig wieder. Just in diesem Moment schob sich
ein gefährlicher Eisbrocken unter Annas rechten Hochschuhabsatz. Ihr rechtes
Bein rutschte und rutschte immer weiter, fast wie von selbst, während Anna
erschreckt mit ihren Armen zu wedeln begann, um das zu verlierende
Gleichgewicht wieder auszubalancieren. Karsten versuchte, sich ihr helfend zu
nähern, um ihr wenigstens unter die Arme greifen zu können, um den drohenden
Fall abzuwenden. Karsten hatte leider nur wenig Chancen, denn Anna ignorierte
unbewusst sein Hilfeangebot, da sie ihn hinten ja gar nicht sehen konnte und
hieb Karsten mit voller Wucht ihre Faust ins Gesicht, wenn auch unabsichtlich.
Die Faust jedenfalls saß, Karsten taumelte zu Boden und schlug heftig auf das
Eis auf. Was war das für himmlische Musik, die da durch seine Ohren rauschte?
Und was waren das für wunderschöne Sternchen, die da wie Sternschnuppen vor
seinen Augen munter umhertanzten? Und was war das für ein seltsam flaues Gefühl
im Magen, auf dem gerade Anna unfreiwillig Platz genommen hatte? Oh!
OOOOOHHHHH! Und das war wohl der Sekt und die Brezel von vorhin, die da nun
ihren Ausgang durch die Speiseröhre gefunden hatte. Dann wurde die Mattscheibe
so schwarz wie der Himmel über ihm.
„Karsten, heh Karsten, bist du ok?“ Anna kniete
neben Karsten und tätschelte ihm besorgt die Wange. „Karsten, was ist denn mit
dir? Kannst du mich hören?“ versuchte sie es weiter. Karsten öffnete langsam
die Augen. „Ah, ah“, stöhnte er wehleidig. „Kannst du aufstehen, du wirst ja
ganz kalt,“ sagte Anna besorgt. Tim hockte neben ihr im Schnee. „Sollen wir
dich in ein Krankenhaus bringen?“ fragte er mitleidend. Karsten setzte sich
vorsichtig auf, Anna stets an seiner Seite. „Nein, ich denke das ist nicht
nötig, mir ist nur ein bisschen schwindlig und mein Kopf tut mir weh,“ murmelte
Karsten schmerzverzerrt die Zähne zusammenbeißend. „Oh, Karsten, tut mir leid,
dass ich auf dich gefallen bin,“ entschuldigte sich Anna und fügte grinsend
hinzu: „Aber du warst ein gutes Polster, mir ist nämlich nichts passiert.“ Und
während sie Karsten sanft über das Gesicht strich, hauchte sie ihm leise ins
Ohr: „Danke, mein Retter.“ Trotz seines angeschlagenen Zustandes errötete
Karsten zunehmend, auch wenn es ihm sehr angenehm war von Anna so rührend
umsorgt zu werden, ihre Hände und ihre Nähe zu spüren, wie sie da so vor ihm
saß und jegliche Schmerzen durch ihre feinen Handbewegungen wegzufegen
versuchte. Karsten konnte nicht mehr anders. Er näherte sich langsam ihrem
Gesicht und erreichte sein Ziel, den Mund, nur wenige Sekunden später, trotz
Kopfschmerzen und Schwindel, sehr zielsicher. Anna erwiderte lächelnd seinen
Kuss und drückte Karsten an sich. Tim seufzte. Ja, das war also das Happy End
dieses Abends. Kein Sturz der Welt könnte das auseinanderbrechen. Verstohlen
machte sich Tim zu seinem Golf-Beetle auf, öffnete die Fahrertür, setzte sich
hinein und drehte leise das Radio und die Standheizung auf, während er Karsten
und Anna im Rückspiegel immer mal wieder einen Blick zuwarf. Tja, wie das
aussah, konnte das noch dauern (aber nicht dass Sie jetzt gleich wieder denken.
Nein, nein, die zwei haben sich nur auf ihre Art und Weise, sagen wir,
kommunikativ unterhalten). Liebe lässt sogar die Außentemperatur vergessen,
wunderte er sich nur, lehnte sich in seinem Sitz zurück und schloss müde die
Augen. Sie würden ihn wohl schon wecken, wenn sie einen Fahrer brauchen würden.
Gute Nacht!
Karsten feierte schließlich seine Hochzeit mit Anna, der schönsten Frau, die er jemals geliebt hatte und wenn sie nicht gestorben oder geschieden sind, dann leben sie auch noch heute zusammen und lieben sich bis an ihr Lebensende.
© Daniela Amendy 2007 Stand
Stand - 20.07.2009
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