Daniela Amendy


 Reiseerinnerungen

 

Amsterdam   – Reiseerinnerungen

      Di., 26.2.2002; Amsterdam

      Im dumpfen Mondlicht zeichnen sich still die gebogenen alten Giebel der Grachtenhäuser ab. Ihre

      Umrisse spiegeln sich leise in den vom Wind gekräuselten Wellen auf dem dunklen Kanal im

      Kloveniersburgwal. Die gelben Lichter der Laternen schimmern ruhig im Wasser bis die

      Dunkelheit über den Brücken sie wie ein schwarzes Tuch zu verschlucken scheint.

      Hinter schmuckvoll verzierten Gardinen gewähren die Bewohner der alten Grachtenhäuser einen

      kurzen Einblick in ihr Heim, die Gemütlichkeit durchdringt jedes Haus.

      Die Nacht über der Amstel schwebt in ihrem dunklen Gewand dahin. Friedlich schlummern die

      alternden Hausboote in ihren nassen Kojen im Hafenbecken und werfen ihre einsamen Lichter

      über die mondbeschienen rillenartigen Wellen. Nur der kalte Wind bleibt als einziger

      Nachtschwärmer zurück und wartet auf den nächsten Tag.

       

      Mi., 27.2.2002; Amsterdam

      Der Morgen ist wechselhaft über Amsterdam. Am blauen Himmel recken sich Sonne und Wolken

      miteinander im Takt. Hinter den Fassaden der Prins Hendrikkade erwacht die Stadt allmählich zu

      Leben. Von Zeedijk bis zum Achterburgwal  scheinen die versteckten Winkel noch zu schlafen.

      Die engen Gassen schlängeln sich müde im Schatten des kommenden Tages durch die alte

      Stadt. Kneipen, Restaurants und Coffeeshops sind hier zu Hause, doch heute morgen sind sie

      geschlossen und leer. Am Tag haben sie ihre Anziehungskraft verloren. Ihre Besucher werden

      erst am Abend wiederkommen und sich im Antlitz der Nacht von ihnen faszinieren lassen. Lkws

      stehen vereinzelt mitten auf den schmalen Straßen herum und beladen die Gaststätten mit

      neuen Waren, damit sie für den abendlichen vergnügungssuchenden Konsumentenansturm

      gewappnet sind. Nur der süßlich stechende, widerliche Geruch, der beim Vorbeigehen aus den

      Coffeeshops strömt, erinnert daran, dass dieses profitträchtige Geschäft Amsterdams nie schläft.

      Concertgebouw.  Die Front ragt hoch in den Himmel hinauf. Massive Säulen tragen das schwere

      dreieckförmige Dach. Menschenmassen warten an den Seiten vor den Eingängen auf Einlass. Es

      ist Mittagszeit. Es ist Zeit für ein Lunchkonzert. Die Wartenden frieren. Im weiten Schatten des

      Concertgebouw ist es winterlich kalt, ihre Atemwolken zeichnen sich deutlich in der Luft ab.

      Noch ein letzter Imbiss aus dem Rucksack, um den knurrenden Magen zu besänftigen. Da öffnen

      sich plötzlich die zwei Flügeltüren. Gedränge und eine eilende Masse. Der Gang führt ins

      Parkett. Die Menschen strömen von allen Seiten. Auf die Emporen, die Logen, in die vorderen

      Reihen des Parketts und auf die Stühle unterhalb der großen Orgel, direkt hinter der Bühne.

      Tickets braucht man heute nicht, denn das Konzert ist gratis. Nach ein paar Minuten ist der

      Grote Zaal bis auf den letzten Platz gefüllt. Stimmengewirr flirrt über die Köpfe hinweg. Allmählich

      laufen die Musiker auf die Bühne ein. Sie tragen wie die Besucher ihre Alltagskleidung. Es

      herrscht keine Hektik bei ihnen. Fröhliche Minen, lächelnde Gesichter, eine entspannte

      Atmosphäre. Sie warten freundlich bis sich die Mengen gesetzt haben und langsam zur Ruhe

      kommen. Wir sitzen genau in der Mitte im Parkett. Imposant ragen die Emporen und Logen

      neben uns in die Höhe auf. Namen großer Künstler prangen in Niederländisch auf den hohen

      Wänden. Die runden Kronleuchter an der edel verzierten Decke erleuchten geheimnisvoll die

      Szene. Plötzlich öffnet sich die Fronttür oberhalb der Bühne. Ein rundlicher Mann in buntem

      Hemd läuft mit einer Ledertasche lächelnd die Stufen hinunter. Die Menschen klatschen eifrig

      und begrüßen ihn freudig. Er scheint es zu genießen. Dann legt er seine Ledertasche ab und

      nimmt seine Position als Dirigent ein. Ein Zeichen und das Orchester fängt an. Klare und

      trockene Klänge fliegen durch den großen Saal. Ohne Nachhall und unnötige Verzierungen

      erreichen sie ihre begierigen Hörer. Der Dirigent spielt mit seinen Musikern. Es scheint als würde

      er Turnübungen machen, so leicht wirken seine Bewegungen. Er lacht dabei und seine Mitspieler

      erwidern es. Auch das Publikum lächelt. Diesen Musikern macht Musik Spaß und das kann man

      ihnen ansehen und man kann es hören. So leicht fliegen die Töne von Tschaikowskys

      Klavierkonzert dahin, so sicher und ruhig führt der Solopianist seine Bewegungen am Flügel aus.

      Nach jedem Satz klatscht das Publikum stürmisch Beifall. Heute ist alles erlaubt, selbst das

      Klingeln eines Handys wird nur mit Grinsen abgetan. Es ist Alltag. Nach drei Sätzen ist das

      Konzert zu Ende. Die Menge klatscht und klatscht. Eine Zugabe gibt es nicht. Die Musiker

      erheben sich lächelnd und verlassen langsam ihren Platz. Die Menge löst sich auf und strebt den

      Ausgängen zu. Jetzt wird erstmal Lunch gehalten.

       

      Vondelpark.  Über die vom Regen aufgeweichten nassen Wege, die sich durch die grünen

      Wiesen schlängeln, pflügen Radfahrer auf ihren Hollandrädern dahin, Fußgänger nutzen das

      aufklärende Wetter für einen kurzen Spaziergang in die frische klare kalte Luft. Der kräftige Wind

      peitscht über die Seen und Pfützen und überflutet Kanäle und Bäume. Hinter versteckten Pfaden

      und Brücken paddeln braune Enten geborgen unter umgestürzten Weiden im Wasser und finden

      unter ihren ausgebreiteten Ästen Schutz vor dem unbarmherzigen Wind. Und friedlich ruhen die

      roten und braunen Grachtenhäuser am Eingang des Parks und betrachten im Strom der Zeit still

      das immer wiederkehrende Schauspiel.

       

      Damrak.  Neonleuchten, grelle Schriftzüge, Menschenmassen, die durch die alten Straßen und

      Plätze drängen. Stimmengewirr und Schuheklappern auf dem Asphalt. Wie von tausenden

      Menschen. Hetzende Einkäufer, gebeugte Penner und geschäftige Drogendealer mixen ein

      buntes Straßenbild. Souvenirshops neben ausgeflippter Kleidermode, Warenparadiese aller Art

      von topmodernen Schuhen bis zu einer Vielfalt an Süßigkeiten und Delikatessen oder Antiquarien

      und Büchern in allen Variationen, Restaurants und Coffeeshops.

      Pulsierendes Leben. Touristen mit Kameras und Rucksäcken neben modischen Einheimischen.

      Niederländisch mischt sich mit Deutsch, Englisch und asiatischen Wortfetzen. Ein pulsierendes,

      ewig-strebendes Menschengeflecht.

       

      Cafe „Il Girasole“.   Durch die gläsernen Frontscheiben des Cafes in der Vijzelstraat spiegelt sich

      das Nachtleben von Amsterdam. Die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos blitzen in dem

      transparenten Glas in gelbem und rotem Licht. Die von Strahlern beleuchteten Grachtenhäuser

      sprenkeln ihre bunten Häuserfassaden über das dunkle Wasser in den Kanälen. Und mitten

      durch die verträumten Grachtenzeilen rumpelt eine schmale funktionalistische Straßenbahn und

      teilt die Straße in zuckenden Elektroblitzen in zwei Hälften.

       

      Do., 28.2.2002; Amsterdam

      Scheepvaartmuseum.   Die harten Tropfen des stürmischen Dauerregens platschen an die

      Fenster und bilden blubbernde Blasen in den Pfützen des Museumshofes. Trostlos liegt der

      graue Himmel schwer über der Stadt. Die Wassermassen strömen hernieder und werden vom

      Sturm über den Asphalt gepeitscht.

      Die Kleider sind durchnässt, der Regenschirm vom Sturm verbogen und die Nase läuft. Wir

      schütteln die durchweichten Sachen ab und sind froh, im Museum einen trockenen Platz

      gefunden zu haben.

      Die ersten Schritte führen uns in die Geschichte der Sklaven. Auch holländische Seefahrer waren

      daran beteiligt. Damals, lange vor unserer Zeit. Wie seltsam wirkt doch das edle goldene Boot

      des Königshauses im Anblick der grausamen Sklavengeschichte. Viele Gemälde untermalen die

      einstige Vorherrschaft der niederländischen Seefahrer. Doch die schwarzen Flecken der

      missbrauchten Macht werfen nachdenkliche Schatten auf diese Geschichte.

      Draußen wartet im Museumsdock die Amsterdam auf Besucher. Ihr gewaltiger brauner Rumpf

      sticht sich im aufgewühlten Hafenwasser gegen die grauen Wolken ab. Die drei hohen

      Holzmasten wanken und klirren im Wind. Ehrfürchtig stehen wir davor und steigen die Treppen

      zum Eingang hinauf. Die Kajüten der Seefahrer sind sehr niedrig und klein. Selbst die

      begeisterten Kinder, die mit uns die Amsterdam besuchen, sind überrascht. Sie haben ebenfalls

      kaum Platz und sind gerade mal in der Grundschule. Im Aufenthaltsraum des Schiffes setzen wir

      uns auf die rosa Plüschkissen an der Glasfront. Auch hier kann man nicht stehen. Durch die

      dicken Glasscheiben kräuselt sich in der Tiefe das Wasser um den kantigen Kiel des Schiffes.

      Die Sonne belebt mit ihren sanften Strahlen den kleinen Raum und lässt den Staub auf den

      Holzbalken tanzen. Wie ruhig doch diese Szene erscheint, wie vergessen die aufregende

      abenteuerbestückte Vergangenheit wirkt. So friedlich, so unberührt und doch so real. Ein

      seltsames, aber angenehmes Gefühl. Und so schlummert die Amsterdam weiter auf ihrem für sie

      bestimmten Platz vor sich hin, bis sie im Sommer wieder mit ihren schauspielernden

      Seemännern und Piraten zu Leben erwacht.

       

      Durch die schützenden Fenster des Museumscafes klärt sich der Himmel vom Dauerregen

      allmählich auf, als scheint er die drückenden Wolken mit Freude abzuschütteln. Über den

      Osterdoks der Amstel späht die Sonne hinter den grauen Wolken ihre zarten Strahlen hinaus und

      spiegelt sich gleißend im trüben Hafenbecken, umrahmt von den alten Grachtenhäusern der

      Prins Hendrikkade. Die Segelschiffe und Hausboote schwanken munter im Wind. Und auch die

      Amsterdam ruht friedlich in ihrem Dock vor dem Museum.

       

      Fr., 1.3.2002; Zandvoort aan Zee

      Das sanfte Tosen der heranrollenden Wellen hallt friedlich über den langen ockerfarbenen

      Sandstrand. Die schäumenden Kronen ziehen ihre Bahnen über dem bräunlich blauen

      Meereswasser der Nordsee. Möwen kreisen über die schmalen Priele und sammeln sich dicht

      gedrängt auf den Sandbänken. Der kühle Wind kitzelt die Köpfe der Grashalme auf den Dünen

      und erfüllt die Nase mit einem angenehmen Meeresgeruch. Bis zum fernen Horizont blinzelt die

      Sonne dem strahlend blauen Himmel zu, auf dessen Leinwand weiße Föhnwolken zur Gala

      laden.

      Die Promenade von Zandvoort erstreckt sich bis weit hinunter zum Casino. Laternen säumen den

      breiten Weg, das Hochhaus wirft seinen langen Schatten auf den Strand. Bänke warten auf müde

      Besucher und freudige Genießer. Und so warten wir mit ihnen bis die Gezeiten ihre Vorstellung

      geben.

      Vom Wind und Warten ausgekühlt steuern wir das nächste Cafe an, etwas erhöht direkt auf dem

      Strand. Wir sind die einzigen. Doch immer mehr von den Februartemperaturen frierende

      Menschen treffen ein und genießen die Sonne und das Meer bei einem warmen Trunk. Im Radio

      läuft moderne Musik. Popmusik. Die Bambusstühle stehen einsam auf der Terrasse um die

      Tische herum. Nebenan sonnen sich die Wanderer auf einem windgeschützten Plätzchen. Ein

      kleiner Spatz hüpft über die Terrasse und sucht nach etwas Essbarem. Wir essen Panekoeken

      mit Zucker und Sirup. Es schmeckt richtig gut. Jetzt noch ein bißchen ruhen, noch ein bißchen

      schreiben und warten. Wir wollen die Ebbe sehen. Das Meer geht allmählich. Die Priele trocknen

      aus. Kinder spielen auf den Sandbänken. Hunde streunen mit ihren Herrchen. Pärchen wiegen

      sich engumschlungen am Ufer und stapfen gemütlich schlendernd durch den Sand.

      Nach dem stärkenden Mahl geht es weiter. Wir wagen uns auf die Sandbänke, die inzwischen

      von Prielen breit umspühlt sind und den Rückweg abschneiden könnten. Wir suchen uns eine

      seichte Stelle und schon sind wir mit einem beherzten Sprung auf der trockenen Sandbank, die

      direkt ans Meer führt. Die Wellen spritzen uns ihre Gischt entgegen und spülen eine Vielfalt an

      Muscheln an Land. Kleine, große, lange, breite, rote, braune, weiße und gelbe Muscheln. Ein

      paar von ihnen wasche ich im Meer aus und stecke sie in meine Tasche. Sie werden eine

      schöne Erinnerung werden. Und wenn die Sehnsucht gar zu groß wird – kann man in ihnen nicht

      auch das Rauschen des Meeres hören? Man muss nur ihre Schalen ans Ohr legen und

      lauschen. Und dann hörst du es und weißt wieder, wo du bist.

      Der Wind nimmt ständig an Stärke und Kühle zu. Verführerisch zu glauben es wäre schon

      Sommer. Zeit, sich wieder in einem Cafe aufzuwärmen. Doch wie führt der Weg durch die sich

      füllenden Priele und Wasserlachen? Eine große Wahl gibt es nicht. Also gehen wir den gleichen

      Weg zurück und müssen über die kleinen Flüsse und Seen springen, was allerdings nicht ganz

      ohne nasse Schuhe gelingt. Das Meer spielt mit uns. Eben noch trockenen Fusses, zischt eine

      Welle über die Stelle, wo wir gerade gestanden. Bei der nächsten seichten Stelle hüpfen wir über

      den Priel und landen auf der sicheren Seite des Strandes. Das Cafe ist nicht mehr weit.

       

      Hinter den Glasscheiben scheint es Sommer zu sein. Die warmen Strahlen durchfluten die

      ausgekühlten Körper und hauchen ihnen wieder Leben ein. Tee und heiße Schokolade wärmen

      von innen, während der Blick über das endlose Meer streift. Friedlich rollen die Wellen dahin und

      reiben sich an den Außenseiten der Sandbänke bis ihre Kraft zu feinem Meeresstaub zerstäubt

      ist. Wie wunderbar ruhig es hier ist. Wie verträumt doch hier die Welt ist. Ohne Hast und Hektik.

      Wir bleiben und träumen mit.

       

      Im unbarmherzigen Wind braust die mächtige Flut die schäumenden Wellen an Land und bricht

      sie mit voller Gewalt bis kurz vor die Strandpromenade heran. Die weißen Schaumkronen

      zischen über das brandende Meer. Die Gischt brodelt und kocht. Eine unvorstellbare Glut an

      Elementen setzt sich frei und spritzt über den jetzt schmalen Strandstreifen. Fasziniert

      betrachten die Besucher das Schauspiel, zu das das Meer sie einlädt. Wellen und Wind tragen

      ihre Kunst in überzeugender Weise vor. Es ist überwältigend. Keiner möchte die Vorstellung

      verlassen, aber unsere Zeit ist um. Wir müssen zurück.

       

      Zugfahrt. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Die letzten Sonnenstrahlen gleiten über das

      flache Marschland. Endlose Kanäle ziehen sich über die grüne Weite. Dann kleine Wälder und

      Schrebergärten, in der Ferne Windmühlen. Und eine Autobahn. Bald sind wir wieder in der Nähe

      der Stadt. In der Dämmerung erscheinen die blassen Hochhäuser, Hochbahnen und

      Plattenbauten wie mystische Riesen. Noch einmal spiegelt sich der Abend in den gläsernen

      Fassaden. Dann ist die Sonne verschwunden. Der Zug schlängelt sich gemütlich an den

      Grachtenhäusern entlang, ihre Silhouette zeichnet sich unverkennlich in der Dunkelheit ab.

      Schließlich fährt er in die Central Station ein und wir sind zurück in Amsterdam.

      Daniela Amendy

       

 Text©Daniela Amendy

Stand 05.01.2004