Daniela Amendy


 Kurzgeschichten

       

      Eclipse 1999
      Sonnenfinsternis 11.August 1999

      Neustadt, 11.August 1999

       

      Oben auf einem leicht erhöhten Graswall in der Nähe der Gimmeldinger Burg,
      setze ich mich auf meine Regenjacke und warte.
      Von hier aus hat man einen weiten Blick über die Stadt Neustadt
      mit ihren grünen Hügeln und Weingärten,
      bis hin nach Osten zum Odenwald.

      Der graue Himmel ist bedeckt von dunklen Wolken,
      die langsam Richtung Osten ziehen.

      Irgendwo dahinter läßt sich die Sonne erahnen,
      ihre Helligkeit kann man jedenfalls selbst durch die dicke Decke wahrnehmen.
      Es ist kühl für August, aber es regnet nicht.

      Allmählich wird es freundlicher und der Himmel reißt stellenweise auf,
      so daß die Sonne, die vom Mond schon halb bedeckt ist, kurz sichtbar wird.
      Dann verschwindet die bleiche Sichel auch schon wieder hinter den Wolken.
      Minuten vergehen. Es scheint dunkler zu werden und ein seltsam stiller Windhauch streicht über die fröstelnde Gänsehaut. Fern läuten Kirchenglocken.

      Verstohlen bellt ein Hund. Einsames Warten.

      Langsam verfärbt sich der Horizont hellgrau und es ist,
      als wenn die Sonne unterginge, aber es trotzdem Tag bliebe.

      Verstörte Vögel fliegen vom Weinberg auf und sammeln sich in der Luft,
      ziehen fragend ihre Kreise.
      Jaulend irrt ein Hund umher und legt sich verängstigt schlafen.
      Leise brennen die Straßenlaternen der Stadt in der zwielichten Dämmerung.

      Jetzt sind es nur noch wenige Minuten bis zur Totalität, durch die Wolkenfetzen
      hindurch ist die Sonne fast gänzlich vom Mond bedeckt.

      Dann reißt die Wolkendecke auf und die Sonne ist wie durch ein Guckloch zum Himmel sichtbar, eingehüllt in einen seidenen, bläulichen Glanz.

      Mit einem Ruck schiebt sich der Mond vollständig vor die Sonne.
      Plötzlich wird es abrupt finster und ein fröstelnder, frischer Wind kommt auf.

      Die weißstrahlende Korona leuchtet wie ein edler Brilliantring über dem blaugrauen Horizont, in dem matten, grauen Lichtschleier, der über der Ebene liegt.

       

      Es ist, als wenn die Zeit stillstehen würde, als wenn Sonne, Mond und Erde in Ehrfurcht vor Gott auf die Knie gefallen wären, um der gewaltigen Macht zu huldigen.

      Es ist, als wenn die Natur zu atmen aufgehört hätte, für einen Moment erstarrt wäre, um der Stimme Gottes Andacht zu zollen, um mit in die erhabenen Engelszungen zum Lobpreis einzustimmen. Es ist der „Moment, in dem Gott redete und die Menschen“
      und die gesamte andere Schöpfung zuhörte.

      Es ist, als wenn dieser Augenblick nicht von dieser Welt wäre - so  schön,
      so vollkommen, so göttlich. Eine Minute Ewigkeit.

       

      Plötzlich rinnt ein Lichtstrahl wie ein Wassertropfen über den Mondesrand hervor, blitzt und funkelt wie ein kristallener Juwel. Es ist, als wenn die Sonne von neuem aufginge, erneut geboren würde, um ins Leben zurückzusprießen, um die Natur aus ihrem Todesschlaf zu erwachen und zu befreien, in den der Mond sie getaucht hat.

      Tautropfen gleich erstrahlt die neugeborene Sichel der Sonne wie ein Hoffnungsfunkenstrahl über dem aufhellenden Horizont. Ein neues Leben scheint aus dem Schatten des Mondes zu erstehen - dort, über der wolkenverhangenen Ebene.

       

      Daniela Amendy

      Neustadt, 11.August 1999

       

 Text©Daniela Amendy


Stand 05.01.2004