Daniela Amendy

       

      Mitten in der Stadt

       

      Kaiserslautern. Innenstadt. Die Hitze des Sommertags quoll über den Asphalt. Die Dämpfe schwebten still über die Straße. Der Schweiß rann herab und bildete kleine Rinnsale über der Haut. Als sie an den verschiedenen Geschäften vorbeilief, duftete es nach Kaffee, Fisch, Obst, Gemüse, Blumen, Hähnchen und Kleider.

      Sie beobachtete, wie die Menschen durch die Straße gingen, zu zweit, zu dritt oder alleine. Liebende Pärchen, einsame Menschen, junge Frauen in engen Jeans und ausgeschnittenen Trägertops. Junge Männer, die ihre Haare mit Gel hochgestylt hatten. Eilende Mütter, langsame, alte und gebrechliche Menschen. Rollstuhlfahrer. Alle liefen sie an ihr vorbei. Ausgelassen, aufgeregt, gelangweilt, traurig, fröhlich, zurückhaltend, depressiv, schüchtern, liebend, hassend. Ein buntes Gemisch an Stimmungen umgab sie. Sie sog sie in sich auf. In diesem Sog lebte ihr eigenes Leben. Sie gab sich dem Sog hin. Der Strudel hatte sie schon lange erfasst und bald würde sie sich nicht mehr halten können, an diesem Leben, das ihr so sinnlos erschien.

      Leise flirrten sanfte Trompetentöne durch die Fußgängerzone. Zart und zerbrechlich. Langsam, jede Sekunde auskostend. Frei und unabhängig. Traurig schön. Nachdenklich, im Sein verharrt. Gehauchte Erinnerungen. Sehnsüchtig angestoßene Töne. Lange Pausen. Zeitlos schwebend in der Schwerelosigkeit des Lebens. Die Trompete verstummte und eine helle, ausdrucksstarke Frauenstimme sang jazzig in einem warmen Timbre, jedes einzelne Wort betonend: "My funny Valentine, sweet comic Valentine, you make me smile with my heart. Your looks are laughable, unphotographable." Paula stand da mit ihrer Trompete und sang mit geschlossenen Augen. Die Trompete war aus goldschimmerndem Messing und hatte viele Kratzer und Dellen. Sie trug eine alte schwarze Nike-Kappe auf ihrem Kopf. Die blonden, schulterlangen Haare hingen glatt herunter. Ihre zerschlissene Jeans war alt geworden. Ein großer, schwarzer Fleck zog sich über ihr rechtes Knie. "Yet, you´re my fav´rite work of art," erscholl es in einem ruhigen Vibrato traurig durch die Gasse. Die Stimmung wechselte zu Dur: "Is your figure less than Greek. Is your mouth a little week, when you open it to speak, are you smart?" Eine hohe, klare, langgezogene Note. Die Tonart wurde wieder Moll. "But don´t change a hair for me, not if you care for me, stay little Valentine, stay." Das Stück endete zuversichtlich in Dur: "Each day is Valentine´s day." [1]

      Es klingelte in Paulas aufgeklapptem Instrumentenkoffer. Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen. Sie schaute auf. Ein junger Mann stand da und lächelte. Er war groß und schlank, hatte schwarze Haare und braune Augen und trug Jeans und ein T-Shirt. Er mochte in ihrem Alter sein, das man an ihrem Gesicht schon lange nicht mehr ablesen konnte. Sie lächelte zurück und sah ihn dankbar an. "Was machen Sie heute noch, wenn Sie hier fertig sind?" fragte er. Sie konnte sich nur schwer fassen. War das Traum oder Wirklichkeit? Sollte es jemanden geben, der sich für sie interessierte? Nein, das konnte unmöglich wahr sein! "Haben Sie heute noch etwas vor?" fragte er nochmal und schien eine Antwort zu erwarten. Nach einer Ewigkeit brachte sie schließlich stotternd hervor: "Ich habe nichts vor." "Gut," erwiderte er, "dann können wir ja zusammen essen gehen. Was halten Sie davon?" Pause und stilles Schweigen. "Ich habe keine passenden Kleider zum Anziehen." "Oh, das ist kein Problem," sagte er zwinkernd und fügte hinzu: "Ich bin übrigens Frank." Sie drückte zögernd seine Hand. "Paula," erwiderte sie und lächelte ihn an. Sie hatte schon lange nicht mehr gelächelt. Es war eine Ewigkeit her. "Dann gehen wir mal zusammen einkaufen," sagte Frank und reichte ihr seine Hand. Sie ergriff sie. Die Menschen strömten immer noch vorbei, ohne Notiz von ihnen nehmend. "Lass uns in den Karstadt gehen." Paula folgte ihm wie in Trance. Ein Wunder war geschehen. Es hatte sie an die Hand genommen und lief mit ihr durch die Straßen. Paula legte die Trompete in einen kleinen Instrumentenkoffer und folgte Frank.

      Sie gingen in die Frauenabteilung des Karstadts und Frank schlich sich mit Paula an der Hand an den Kleiderständern vorüber. Da entdeckte er plötzlich ein türkisfarbenes Kleid. Er zog es heraus und hielt es Paula an den Körper. "Ja, das könnte passen," murmelte er und reichte es ihr. Paula genierte sich, trug das Kleid aber trotzdem in die Umkleidekabine. Sie legte ihre Kappe zur Seite, zog das Kleid an, und zeigte es Frank vor dem Spiegel. "Schön, sehr schön, das nehmen wir," sagte er. "Du kannst es gleich anbehalten." Paula befühlte den Stoff des Kleides. Es war aus Seide. Sie schlenderten an die Kasse und Frank bezahlte das Kleid. Es stand ihr wirklich gut. Sie verließen zusammen das Geschäft. "Hast Du Hunger?" "Ja, schon." "Lass uns ins Restaurant gehen. Das Brauhaus ist gut, da esse und trinke ich öfters. Es ist nicht weit."

       

      Paula und Frank hatten sich einen Platz draußen unter den Bäumen ausgesucht, von wo aus man die Fußgängerzone überblicken und die Leute beobachten konnte. Paula machte das gerne, Leute beobachten und zu überlegen, was für eine Konfektionsgröße sie hatten. Wo kamen die Menschen her? Welche Gedanken gingen ihnen durch den Kopf?

      Die Kellnerin, die groß war und schwarze Kleidung trug, brachte die Speisekarte. Paula blätterte sie schüchtern durch. Sie bestellten: Für Frank ein Brauhaus-Bier und ein Schnitzel mit Pommes Frites, für Paula ein alkoholfreies Bier und Käsespätzle. Die Kellnerin nahm die beiden Karten wieder entgegen und verschwand in die Küche.

      Nachdem sie sich eine Weile schweigend angesehen hatten, begann Frank: "Was ist denn passiert, dass du obdachlos geworden bist?" Paula verschluckte sich und hustete. Als sie sich wieder beruhigt hatte, antwortete sie: "Das ist eine lange Geschichte." "Ich möchte sie hören, egal wie lang sie ist." Paula räusperte sich: "Na, schön. Vor vier Jahren wurde ich das erste Mal krank - Depressionen und Angstzustände. Da war ich fünf Monate krank und arbeitete anschließend wieder voll. Dann wurde ich ein zweites Mal krank: sechs Monate Klinik und arbeitsunfähig. Eine stufenweise Wiedereingliederung hatte bei mir keinen Erfolg. Ich kam morgens nicht aus dem Bett, war gereizt und konnte die Kunden nicht ertragen. Irgendwann machte ich Fehler und mein Chef legte mir nahe, den Beruf zu wechseln, da er keine Verwendung mehr für sich sah. Ich kam mir wie ausrangiert vor. Wertlos, unbrauchbar und unnütz. Ich fühlte mich als Versagerin, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen hat. Die Selbstmordgedanken kamen erneut zurück und ich konnte ihnen nichts mehr entgegen halten. Ich wurde entlassen und war nun arbeitslos. Meine Gedanken kreisten permanent um den Tod, obwohl ich doch noch so jung war. Ich war arbeitslos und mein Geld wurde mir nach einem Jahr gestrichen. Meine Ersparnisse waren schnell aufgebraucht. Ich konnte die Miete nicht mehr zahlen und verlor meine Wohnung. Von da an lebte ich auf der Straße und auf Parkbänken und bettle jeden Tag um ein bisschen Geld." "Das ist eine traurige Geschichte," sagte Frank leise. Stille. Die Getränke kamen und sie nippten an den Gläsern.

      "Du spielst und singst wunderschön," schwärmte Frank. "Danke. Es ist das einzige, das mir noch geblieben ist und das mich durch alle schlechten Zeiten hindurch begleitet und aufgebaut hat." "Ich habe früher auch sehr gerne Musik gemacht." "Was für ein Instrument hast Du gespielt?" "Klavier, mit einer stinklangweiligen klassischen Ausbildung und starren Fingersätzen." "Also Bach, Mozart, Beethoven, Haydn usw.?" "Ganz genau! Wie war das bei Dir?" "Ich habe während meiner Schulzeit Klavier, Trompete und Gesang gelernt, ebenfalls mit klassischer Ausbildung. Aber ich hatte einen guten Klavierlehrer, der Jazz und populäre Musik lieber mochte als Klassik. Ich improvisierte sowieso viel lieber als nach Noten zu spielen. Das ist mir heute von Vorteil, wenn ich ein Lied begleiten soll. Ich brauche nur die Akkorde und danach improvisiere ich." "Klingt gut. Wie war das bei der Trompete und dem Singen?" "Meine Grundausbildung ist klassisch, ich bin auf populäre Musik und Jazz umgestiegen, weil man sich da musikalisch viel besser ausdrücken kann." "Ja, das stimmt. Schade, dass ich das Klavier spielen aufgegeben habe. Ich wüsste heute nicht mal mehr die Noten. Das müsste ich wieder ganz neu lernen." Sie lächelten sich an. Nach einer Weile fragte Paula: "Was machst Du eigentlich beruflich?" Sie wurde zunehmend selbstsicherer. "Ach, nichts Besonderes. Ich arbeite in Ludwigshafen bei einer Firma und pendle jeden Tag mit dem Auto."

      Die Kellnerin brachte das Essen, das nur knapp auf den schmalen Tisch passte. Frank schnitt sein Schnitzel und Paula widmete sich ihrem Beilagensalat. Ein großes Salatblatt fiel ihr vom Teller auf den Tisch. "Erzähl mal ein bisschen von Dir," sagte Paula. Frank sah sie an und legte sein Besteck zur Seite. "Mein Leben ist nicht aufregend," begann er und fügte traurig hinzu: "Ich bin seit einem Jahr geschieden." "Was war denn los?" "Meine Frau hat einen anderen Mann kennen gelernt und hat mich verlassen. Die Scheidung war für mich sehr schwierig. Das Alleinsein war ich nicht gewohnt. Ich fühlte mich schrecklich und sackte in ein Loch. Ich fragte mich oft: Was habe ich falsch gemacht? Warum habe ich es nicht geschafft, meine Ehe zu retten? Was für einen Sinn hat mein Leben jetzt noch?" Er seufzte und stocherte an seinem Schnitzel herum. "Das tut mir leid," sagte Paula. Sie aßen schweigend weiter. Nachdem sie mit dem Essen fertig waren, schlug Frank vor: "Wie wäre es mit einem Nachtisch? Ich nehme einen Cappuccino und Du?" Paula überlegte. "Einen doppelten Espresso." Sie bestellten die Getränke. "Was magst Du außer Musik noch, Paula?" "Ich liebe Gedichtbücher! Rilke, Eichendorff, Storm, Hesse und andere. Gedichte sind sehr aussagekräftig. Sie sagen in kurzen Worten das Wesentliche." "Hesse mochte ich früher auch. Wir haben ihn in der Oberstufe im Gymnasium gelesen. Wie hieß das Buch? Ich weiß es nicht mehr." "Steppenwolf?" "Ja, genau. Das war ´Steppenwolf´." "Wir haben noch ´Unterm Rad´ von Hesse gelesen. Das ist auch gut." "Paula, wenn Du Lust hast, können wir gerne in die Thalia-Buchhandlung gehen. Die haben eine riesengroße Auswahl an Büchern." "Ja, machen wir!" rief sie freudig und Frank zahlte. Sie schlenderten gemütlich durch die Fußgängerzone, kamen am Burger King, Mc Donald´s, Kleidergeschäften, Cafés und Bäckereien vorbei. Die Thalia-Buchhandlung war nicht weit. Fasziniert studierte Paula die Bestseller-Bücher, die im Eingang standen. Sie war schon lange nicht mehr in einer Buchhandlung gewesen. Dabei liebte sie Bücher. Sie konnte sie sich nur nicht leisten. Und wo sollte sie diese verstauen? In den Instrumentenkoffer passten sie nicht und sie besaß keinen Koffer. Voller Neugier las sie die Buchtitel und ließ sie auf ihrer Zunge zergehen: Cecelia Ahern "P.S. Ich liebe Dich.", Francois Lelord "Hectors Reise", Hakan Nesser "Die Schatten und der Regen" und der neueste "Harry Potter". Neben den Bestsellern waren die Kunstbücher aufgereiht. Paula nahm ein großes Buch über Vincent van Gogh aus dem Regal und blätterte darin. Frank freute sich, dass Paula von den Büchern so fasziniert war. "Welche Bücher magst Du, Frank?" fragte Paula ohne ihren Kopf von dem Buch hoch zu nehmen. "Ich mag Krimis und Thriller, wie z.B. Hakan Nesser, Ken Follet oder Katzenbach." "Dieses Buch über Vincent van Gogh gefällt mir sehr gut," schwärmte Paula, "es ist wundervoll." "Dann kaufen wir es. Gib es mir, ich gehe an die Kasse." Frank kaufte es und schenkte es Paula. "Vielen Dank! Das Buch ist phantastisch." "Viel Spaß damit!" Frank grinste und übergab Paula die Plastiktasche mit dem Buch. "Wie wäre es mit Kino?" schlug Paula vor. "Gern, das Central Kino ist in der Nähe des Stiftsplatzes. Lass uns dort hingehen."  Sie spazierten zum Central Kino und schauten sich die aktuellen Filmplakate an. "´Mr.Bean´, ´Shrek´ oder ´Born to be wild´?" fragte Frank. Paula überlegte kurz und meinte dann: "´Born to be wild´, die schräge Motorradkomödie mit John Travolta!" "Ok, machen wir." Sie gingen beide in das Foyer des Kinos und Frank besorgte die Kinokarten, die Getränke und das Popcorn. Die Komödie war sehr amüsant und es gab sehr viel zu lachen. Paula genoss das Lachen, es tat unglaublich gut. Als der Film zu Ende war, war sie fast ein wenig traurig.

      Mittlerweile war es Abend geworden und die Geschäfte schlossen. Zufrieden liefen sie nebeneinander her. Ziel war der Stadtpark. Frank nahm Paula den Instrumentenkoffer und die in einer Plastiktüte verstauten Kleider ab, damit sie nicht so viel tragen musste. Nach ein paar Minuten erreichten sie den Park. Wiesen, Bäume, spielende Kinder und ihre Eltern, ein neuer Spielplatz und leuchtende Blumen, Jogger und Spaziergänger. "Danke, Frank, dass du mich hier nach Hause in den Park gebracht hast. Auf dieser Parkbank schlafe ich." Paula deutete mit dem Finger auf eine Bank, die geschützt unter einem Baum stand. Frank sah Paula lange an. "Ich kann dich nicht alleine lassen. Nach einem solch schönen Tag. Nein, das geht nicht, wir fahren in ein Hotel." Und schon packte Frank Paulas Sachen und schritt voran. Paula folgte Frank und sagte nichts zu seinem Vorschlag.

      Das Hotel lag an einer Hauptstraße. Frank trug Paulas Gepäck in die Eingangshalle und buchte ein Einzelzimmer. Das Zimmer befand sich  im ersten Stock. Es war klein, aber geräumig. Paula jubelte. Endlich ein richtiges Bett statt Parkbank. Ihr Glück war perfekt. "Wie kann ich das nur wieder gut machen?" fragte Paula Frank. "Du bist eine wunderbare Frau, Du musst das nicht wieder gut machen. Es freut mich, wenn du für mich singst und spielst." "Schön, dann bekommst Du zum Abschied noch ein Lied: ´Over the rainbow´." Sie packte ihre Trompete aus und spielte auswendig mit geschlossenen Augen. Frank schmolz dahin. Paula war eine fantastische Musikerin. Sie sprach mit ihrem musikalischen Ausdruck das Gefühl der Hörer an.

      "Das war wunderbar, danke," sagte Frank. "Gern geschehen!" erwiderte Paula und grinste. Frank grinste zurück. Und plötzlich umgab sie eine Verbundenheit. Etwas, das sie nicht mehr trennen konnte. Bevor Frank ging, überreichte er Paula ein Handy. "Das ist für Dich, damit ich Dich anrufen kann und Du mich." "Vielen Dank für alles und diesen wunderschönen Tag. Er hat mir sehr gut getan," sagte Paula und umarmte ihn schüchtern, "Du hast mir sehr geholfen." "Ich rufe Dich morgen an und dann machen wir aus, wann wir uns treffen."

      "Ja, gerne." "Dann bis morgen. Gute Nacht." "Gute Nacht."

       

      [1]  Der Text stammt aus diesem Buch: "My funny Valentine", in: The Great American Torch Song. (1996), Warner Bros. Publications,  S.160-163

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      Stand -  18.07.2009
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